Die Linke zerlegt sich weiter. Wer
nach den langen Geburtswehen des BSW dachte, es kann für die Partei nicht mehr
schlimmer kommen, wurde mit dem Parteitag in Halle eines Besseren belehrt.
Skandalanträge, Parteiaustritte und eine nach wie vor unklare Haltung zum
Antisemitismus machen es den letzten linken Urgesteinen denkbar leicht, das
sinkende Schiff zu verlassen. Der woke Parteiflügel hat dafür Hochkonjunktur
und steuert unerwartet auf Unterstützung aus anderen Kreisen zu.
Es hätte so gut laufen können für Die Linke.
Nach dem lang ersehnten Parteiaustritt von Sarah Wagenknecht freuten sich die
Genossinnen und Genossen schon auf goldene Zeiten. Endlich war sie weg die ewig
Unbeugsame; und viele ihrer Anhänger hat sie gleich mitgenommen. Die Sehnsucht
nach Friede, Freude, Eierkuchen war mit dem Parteitag vor einer Woche
allerdings endgültig zerplatzt. Er entlarvte Die Linke als eine zutiefst
zerstrittene und gespaltene Partei, die sich selbst in Grundsatzfragen längst
nicht mehr einig ist.
Eine linke Partei auf Abwegen
Die Zeichen stehen seit langem nicht gut für
die einstige Protestpartei. Mit den Wahlergebnissen bei der EU-Wahl und den
drei Landtagswahlen im Osten des Landes rutschte der Marktwert der Linken noch
weiter ab. Der Parteitag in Halle hat das Fass nun endgültig zum Überlaufen
gebracht. Begleitet wurde er von Eklats und Parteiaustritten.
Größter Zankapfel war dabei die
Palästinafrage. Der Linken ist es auch in trauter Runde nicht gelungen, sich
vom Verdacht des Antisemitismus reinzuwaschen. Während einige offen die
israelischen Menschenrechtsverbrechen und einen drohenden Völkermord beklagen,
werfen andere ihr konsequentes Nein zu Waffenlieferungen bereitwillig über
Bord, um der Antisemitismuskeule zu entgehen. Die Redebeiträge jedenfalls waren
teilweise abenteuerlich und lassen sich wohl am besten wie folgt
zusammenfassen: Eine angeblich antifaschistische Partei ringt um die richtige
Haltung zum Judenhass.
Selbst eine Initiative, die sich eindeutig gegen die Kriegsrhetorik der Bundesregierung und der Union richtet, fand auf dem Parteitag keine Mehrheit mehr. Der Antrag wurde derart entkernt, dass er selbst Waffenlieferungen nicht mehr grundsätzlich ausschloss. Es ist schon erstaunlich, wie schnell bestimmte Kräfte das Zepter übernehmen, kaum sind einige Vernunftbegabte aus der Partei verschwunden.
Hochkonjunktur der Woken
Mittlerweile dämmert es auch mehreren linken
Urgesteinen, dass mit dieser Partei kein Stich mehr zu machen ist. Sowohl
Gesine Lötzsch als auch Petra Pau haben bekanntgegeben, dass sie bei der
nächsten Bundestagswahl nicht mehr kandidieren werden. Klar kann man das auf’s
Alter schieben. Es könnte aber auch an dem Kurs der Partei liegen, den diese
beiden Verfechterinnen für soziale Gerechtigkeit nicht mehr mittragen können.
Denn eines ist völlig klar: Folgen auch
Schwergewichte wie Gregor Gysi und Dietmar Bartsch diesem Beispiel, hat Die
Linke wie sie lange Zeit gewählt wurde keine Chance. Zurück blieben die
Reichinecks, Racketes und Riexingers, für die der Abbau sozialer Grenzen
nötigenfalls hinter moralischen Haltungsnoten in Form von Gendersternchen,
Anti-Diskriminierungsinitiativen und Frauenquoten zurücktreten muss. Dabei ist
genau das der Kurs, mit dem sich Die Linke überflüssig gemacht hat.
Spaltung macht Schule
Doch es gibt Hoffnung: Denn erst kürzlich hat
sich der besonders woke Teil der Grünen ebenfalls von seiner Partei
abgespalten. Der komplette Vorstand der grünen Jugend hatte ebenfalls keine
Lust mehr auf das, was aus seiner Partei geworden ist. Die zehn Vorstände gaben
nicht nur ihre Posten auf, sondern kehrten gleich dem ganzen Verein den Rücken.
Der Riss, der mittlerweile auch durch die
grüne Partei geht, ist unübersehbar. Die Jugendorganisation der Grünen steht
für eine Parteiströmung, die in der Partei nach wie vor großen Anklang findet.
Sollte der Rückzug des Jugendvorstands Schule machen, bleibt von der einstigen
Friedenspartei nichts weiter übrig als ein bürgerliches Anhängsel der CDU.
Eine neue linke Partei?
Bei den Linken sollte diese Entwicklung auf
großes Interesse stoßen. Immerhin haben sich die dominierenden
Parteifunktionäre alle Mühe gemacht, genau diesen Parteiflügel der Grünen immer
zu kopieren. Nun haben sie die unerwartete Gelegenheit, ganz nah an ihre Idole
heranzurücken. Ertrinkende ziehen andere leicht mit runter, aber in diesem Fall
könnte die Rechnung aufgehen.
Mit vereinten Kräften könnten Original und Kopie dem FDP-Schicksal entgehen und gemeinsam auf Wählerfang gehen. Programmatisch würden sie in erster Linie ein hippes Großstadtmilieu ansprechen, dem soziale Gerechtigkeit fast genau so wichtig ist wie Diskriminierungsfreiheit und Klimarettung (in dieser Reihenfolge). Im Prinzip wäre das ein Gewinn für alle Seiten: Die Bündnisgrünen könnten mit der Union ins Bett steigen, ihr abhandengekommener Appendix und die Ex-Sozialisten könnten sich stabil bei 3 Prozent einpendeln und die Truppe um Sarah Wagenknecht könnte weiterhin versuchen, in die Landesregierungen zu kommen. Frei nach Dietmar Bartsch: Das Totenglöckchen der Linken hat schon häufig geläutet.
Quidditch heißt jetzt Quadball und die Uni Tübingen will sich von ihrem
Namensgeber trennen. Das alles, weil sich die Urheber nicht so verhalten haben,
wie es heute politisch korrekt wäre. Seit Jahren machen die Verfechter*innen
der Cancel Culture Jagd auf jeden noch so absurd kleinen dunklen Fleck in
Kultur und Geschichte. Mit der Umbenennung des Zaubersports hat dieser Trend
eine neue Stufe der Absurdität erreicht. Einige besonders obsessive
Kulturtilger*innen wagen es tatsächlich, sich das geistige Eigentum einer
Autorin anzueignen und nach ihren Vorstellungen umzuformen. Sie verfolgen ein
edles Ziel, lösen jedoch kein einziges Problem, sondern schaffen höchstens
neue. Der Kulturraub des 21. Jahrhunderts weist dabei eindeutig faschistoide
Tendenzen auf.
Tod einer Autorin
Die Geschichte des Zauberlehrlings Harry Potter fasziniert seit vielen
Jahren Jung und Alt. Die Abenteuer des jungen Magiers sind viel mehr als der
Kampf gegen ausgebüxte Trolle, wildgewordene Drachen und psychopathische
Gegenspieler. Autorin J. K. Rowling hat in ihren Büchern eine völlig
andersartige Welt geschaffen, mit eigenen Gesetzen, sozialen Codes und einer
Sportart, die über die Fanbase hinaus große Bekanntheit erlangt hat: Quidditch.
Einige besonders faszinierte Anhänger der Serie haben das magische Großereignis
inzwischen von seiner Fiktionalität befreit. Begeistert machen sie Jagd auf den
Schnatz und werfen sich den Quaffel zu – das alles wohlgemerkt am Boden, denn
die Naturgesetze können auch sie nicht außer Kraft setzen.
Manche dieser Quidditchspieler argwöhnten allerdings die Äußerungen, die Erschafferin Rowling zu Transmenschen machte. Mit ihren Ansichten stieß sie auf viel Kritik und wurde in Folge dessen nicht einmal zum zwanzigjährigen Jubiläum des ersten Films der Reihe eingeladen. Nach dem Willen mancher Quidditchbegeisterter soll die Sportart nun einen neuen Namen bekommen, um sich von Rowling und ihren Positionierungen zu distanzieren.
Ein Zeugnis der Gegenwart
Die Initiatoren dieser Kampagne wurden wohl einmal zu oft vom Klatscher getroffen, denn sie sind gerade drauf und dran, ein Werk zu zerstören, das keinerlei homophoben oder rassistischen Tendenzen aufweist. Die Umbenennung von Quiddich zu Quadball ist eine ungeheuerliche Respektlosigkeit gegenüber der Leistung von J. K. Rowling. Es ist IHRE Geschichte und IHR Sport.
Mit der Geschichte um Harry, Ron und Hermine hat Rowling Millionen von
Kindern zum Lesen gebracht. Kaum auszuhalten war die Neugier und die Vorfreude
auf den nächsten Teil. Immer wieder reicherte Rowling ihre Geschichte um neue
Aspekte und neue Details an, es zeichnete sich ein immer klareres Bild einer
gut durchdachten fiktiven Gesellschaft.
Wie jedes Kunstwerk ist auch die Harry-Potter – Reihe ein Zeugnis der
Gegenwart, in der die Geschichte geschrieben wurde. In den Passagen in der
Muggelwelt spielen Autos zwar eine Rolle, das Internet hingegen nicht. Es war
erst im Kommen, als Rowling die Bücher schrieb und zur Zeit der Geschehnisse in
den Büchern noch nicht erfunden. Und wie bei jedem anderen Kunsterzeugnis
klingen darin immer wieder kulturelle Aspekte an, die für die Künstlerin oder
den Künstler und das Publikum selbstverständlich sind, im Laufe der Jahre aber
gegebenenfalls an Selbstverständlichkeit verlieren.
Es geht bei diesen Fantastereien einer diskriminierungsfreien Welt
mitnichten darum, Diskriminierung nachhaltig abzuschaffen. Es geht einzig
darum, rechtzuhaben und seinen Willen durchzusetzen. Denn kein einziges Unrecht
an Frauen, an Schwulen oder an Juden wird gesühnt oder gar ungeschehen gemacht,
wenn man sich heute an kulturellen Erzeugnissen von damals vergreift. Der
ständige Hinweis auf angeblich offensichtliches Diskriminierungspotenzial heizt
dieses eher an, anstatt es abzubauen. Erst seitdem einige Verkehrsbetriebe das
Wort „Schwarzfahren“ aus ihrem Vokabular gestrichen haben oder sich einige
Oberschlaue am offiziellen Namen der Universität Tübingen stören, sind diese Themen
rassistisch und antisemitisch aufgeladen. Davor waren sie das nicht.
Ob die Uni zu Tübingen nun Eberhard-Karls – Universität, ganz schlicht
„Universität Tübingen“ oder ganz anders heißt, wird keinen antisemitischen
Übergriff verhindern. Der Antisemitismus ist mitten in unserer Gesellschaft.
Der Name einer Uni hat darauf keinen Einfluss. Eine Umbenennung wischt das
Problem naiv vom Tisch, anstatt es zu lösen.
Ähnliches gilt für das Gendern. Nur weil bestimmte Wortendungen plötzlich
tabu oder absolut in Mode sind, wird sich am geschlechterspezifischen
Lohngefälle im Lande nichts ändern. Die finanzielle Diskriminierung von Frauen
in vielen Berufen wird auch dann noch ein Problem sein, wenn sich das
Gendersternchen endgültig durchgesetzt hat. Die All-Inclusive – Schreibweise
wird nichts daran ändern, dass homo- und transfeindliche Übergriffe vielerorts
an der Tagesordnung stehen.
Für kulturellen Fortschritt
So edel und erstrebenswert die Ziele der Kulturkritischen auch sein mögen:
Das Umschreiben von Geschichten, die Umbenennung ehrwürdiger
Bildungseinrichtungen und die Verhüllung von Statuen ist der völlig falsche Weg.
Diese Herangehensweise opfert die Entwicklung, welche die Gesellschaft
durchgemacht hat, seitdem Graf Eberhard im Barte Namensgeber der Uni Tübingen
wurde oder seitdem J. K. Rowling ihre Geschichte aufschrieb.
Wir sind heute keine durch und durch antisemitische Gesellschaft mehr und wir haben besonders in den letzten Jahrzehnten vieles gelernt über Diversität und Geschlechtervielfalt. Antisemitische und rassistische Ressentiments sind seit Jahren wieder auf dem Vormarsch. Eine Cancel Culture wird dem nichts entgegensetzen. Kunst zu verbieten oder mutwillig zu verändern, weil sie nicht ins Weltbild passt, trägt eindeutig faschistoide Tendenzen in sich.
Es ist völlig normal, dass wir uns im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte immer weniger mit den Urhebern von Kunstwerken identifizieren können. Die logische Konsequenz daraus darf nicht sein, ihre Werke für alle Zeiten zu verdammen. Kunst prägt die Gesellschaft und treibt sie voran. Wer sie pauschal verbietet oder zu seinen Zwecken umdeuten will, bewirkt das Gegenteil. Solche Methoden führen zu einer nicht-egalitären und ungleichen Gesellschaft, die vor allem für eines steht: kulturellen Stillstand.
Vorschaubild: stux, pixaby, bearbeitet von Sven Rottner.
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2020 – was für ein Jahr! Viele werden dem Jahreswechsel hoffnungsvoll entgegenblicken. Grund dazu haben sie genug. Die Pandemie bestimmt schließlich weiterhin unseren Alltag. Das Jahr 2020 hat uns allen enorm viel abverlangt. Trotzdem konnten wir einiges von diesem beknackten Jahr lernen. Die zehn wichtigsten Erkenntnisgewinne sind hier zusammengefasst.
Den Artikel zum Wort „Virus“
Nachdem das Genus dieses Wortes besonders im Frühjahr noch für reichlich Irritationen sorgte, stand spätestens nach den ersten 10.000 Coronafällen offiziell fest: Es heißt DAS Virus. Obwohl viele in den ersten Monaten des Jahres krampfhaft versuchten, den männlichen Artikel für das Wort durchzudrücken, mussten sie gegenüber einer breiten Front von Sprachwissenschaftlern und Virologen klein beigeben. Diese bestimmten nämlich auf alle Ewigkeit: Virus ist Neutrum. Einzige Ausnahme gilt in Baden-Württemberg: Die Menschen von dort dürfen weiterhin ungestraft „der“ Virus sagen. Gegen die jahrhundertelange Tradition der artifiziellen Maskulinisierung von Substantiven kamen selbst die Gelehrten nicht an. Immerhin heißt es in dem südwestdeutschen Bundesland bis heute auch der Butter und der Klo.
Abstandsstriche ersetzen kostspielige IQ-Tests
In Zeiten der Pandemie ist eines ganz wichtig: Abstand voneinander halten.
In einer überbevölkerten Welt, die immer enger zusammenwächst, fällt das vielen
allerdings nicht leicht. Der Einzelhandel hat sich deswegen etwas ganz
besonders gewieftes ausgedacht. Nach etlichen Stunden in den Laboren und nach
so manchem rauchenden Kopf konnte die Branche stolz ihre Erfindung
präsentieren. Mithilfe sogenannter Abstandsstriche sollte vor allem im
Kassenbereich gewährleistet werden, dass die Menschen Abstand zueinander
hielten. Es handelte sich dabei um speziell angefertigte Klebestreifen in
leuchtenden Signalfarben, die die Menschen auf das Abstandsgebot aufmerksam
machten.
Den erhofften Erfolg brachte die geniale Maßnahme leider nicht. Trotzdem stellte sich schon nach kurzer Zeit heraus, dass die Striche noch einen ganz anderen Effekt hatten. So ließen sie ohne viel technischen Schnickschnack für jedermann und jedefrau die Intelligenz der Kundinnen und Kunden erkennen. Ruben V., Filialleiter eines REWE-Marktes in Gütersloh bedauerte: „Es war für uns ein harter Schlag, dass fast zwei Drittel unserer Kundschaft einen Intelligenzquotienten von unter 40 haben. Das ist dümmer als Donald Trump.“
Da nicht in jeder Lebenslage ein Abstandsstrich zur Hand ist, gibt es eine noch alltäglichere Methode, um den IQ seiner Mitmenschen zu ermitteln. Die Art und Weise, wie die Maske getragen wird, spiegelt die Intelligenz des Tragenden sogar noch zuverlässiger wider als die farbigen Linien in den Supermärkten. Sollte jemand mit seiner Mund-Nasen – Bedeckung nur den Mund bedecken, ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass dieser bemitleidenswerte Zeitgenosse nicht weiß, was eine Nase ist. Dies ist Indikator dafür, dass der IQ nicht höher als 10 liegt.
Es gibt in Deutschland Heerscharen an renommierten Wissenschaftlern.
Als sich die pandemische Lage auf der Welt zuspitzte, da hatte ihre Stunde geschlagen: Die Wissenschaft ist aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht und war in aller Munde. Nachdem sich die Menschen gerade in Deutschland ihre Fakten jahrelang zurechtbogen, wie es ihnen passte, hielt nun die faktenbasierte Recherche wieder Einzug. In schier obsessiver Leidenschaft haute so mancher Mitbürger eine wissenschaftlich fundierte Aussage nach der anderen raus. Mancheiner fand sogar den Mut, sich nach jahrelangem Versteckspiel als Wissenschaftler zu outen. Im April hatten wir dazu bereits den 76-jährigen Hermann S. befragt, der schon im Frühjahr einen eindeutigen Standpunkt hatte: „Dieses neuartige Virus ist nicht einmal so gefährlich wie eine Grippe. Studien haben ergeben, dass im Straßenverkehr dreimal so viele Menschen in Autounfällen sterben wie an Corona.“
S. war früher Schaffner bei der Bundesbahn, betrieb aber heimlich ein eigenes Forschungszentrum im Keller, von dem weder seine Frau noch seine drei Kinder wussten. Auf seine Forschungen blickt er mit Stolz zurück: „Jahrzehntelang war es verpönt, empirische Studien zu betreiben. Hinter allem vermuteten die Menschen wirtschaftliche Interessen. Ich bin stolz darauf, meinen kleinen Beitrag zum Wiederaufleben der Gesundheitsforschung zu leisten. Das ist das einzige noch nicht korrumpierte Forschungsfeld, denn immerhin forschen die Labore fast ausschließlich nach einem Impfstoff, der für alle von Nutzen sein wird. Dahinter kann einfach kein Profitinteresse stehen.“
Die richte Aussprache des Worts „Quarantäne“
In Zusammenhang mit der Pandemie ist noch ein weiterer linguistischer Meilenstein gelegt worden. Ähnlich wie bei dem Genus des Wortes „Virus“ ist seit diesem Jahr für alle Zeiten klar, wie die medizinisch verordnete Isolation richtig ausgesprochen wird: Es heißt Karantäne, ohne einen eingeschobenen w-Laut, wie häufig falschgemacht. Eine Kwarantäne gibt es nicht. Diese Wortschöpfung ist genau so falsch wie eine revolutionäre Gerillja (Gerieja!), das stinklangweilige Fach Kemie (weiches ch wie in „rieCHen“) oder wie der klassische Anfängerfehler Leviosah.
Wir sind auf eine Pandemie schlecht vorbereitet
Mit dem Virus haben wir nun schon seit einigen Monaten zu kämpfen. Zeit also für eine Zwischenbilanz. Diese fällt jedoch ernüchternd aus: Obwohl Deutschland bisher vergleichsweise gut durch die Krise gekommen ist, gibt es eklatante Schwachstellen. Diese betreffen besonders die Frühphase der weltweiten Krise und haben deshalb auch Monate danach schwere Auswirkungen. Nachdem das Virus bereits in den ersten beiden Monaten des Jahres eindrucksvoll demonstriert hat, zu was es fähig ist, wartete man in Deutschland lieber seelenruhig ab, anstatt beizeiten geeignete Sicherungsmaßnahmen zu ergreifen. Reiserückkehrer aus Risikogebieten konnten unbehelligt ihren Alltag in Deutschland wieder aufnehmen, ohne jemals auf das neuartige Virus getestet worden zu sein oder unter Karantäne gestellt zu werden.
Besonders blamabel an dieser Vorstellung: Geeignete Schutzkonzepte, um die Ausbreitung hochinfektiöser Krankheiten einzudämmen, lagen bereits zu Jahresbeginn vor. Zur Anwendung kam im Frühjahr kaum etwas. Schiefer ging in diesem Jahr einzig der bundesweite Sirenentest. Die Lehre von 2020 ist eindeutig: Wenn eine Krankheit erst einmal zu einer Pandemie ausgeartet ist, ist ambitioniertes Handeln reine Schadensbegrenzung.
Die AfD ist eine bürgerliche Partei
Lange angezweifelt, doch seit diesem Jahr eindeutig bewiesen: Die AfD ist eine Partei, die die Interessen der Mitte der Gesellschaft vertritt. Sie selbst verortet sich schon seit Jahren im konservativ-bürgerlichen Spektrum. Nach der Wahl des Abgeordneten Thomas Kemmerich (FDP) zum Ministerpräsidenten von Thüringen konnten selbst die etablierten Parteien die Augen davor nicht mehr verschließen. Immerhin war es maßgeblich der AfD zu verdanken, dass der Fünf-Prozent – Mann das höchste Amt im Freistaat bekleiden durfte, wenn auch nur für ein paar Stunden.
Die Partei unter Führung von Bernd Höcke hat am 5. Februar gezeigt, dass sie staatspolitische Verantwortung übernehmen kann, als sie dem glatzköpfigen Liberalen den Weg an die Spitze der thüringischen Regierung ebnete. Auch der frisch vereidigte Kemmerich signalisierte der bürgerlichen Höcke-Partei Entgegenkommen. Anders als so manche beleidigte Leberwurst im Saal warf er ihm weder einen Blumenstrauß vor die Füße noch verweigerte er ihm den Handschlag.
Die Internetabdeckung im Land ist grottig
Völlig überraschend mussten in diesem Jahr Millionen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern feststellen, wie schlecht es um die Verbindung mit dem Internet bestellt ist. Nachdem auch die Politikerinnen und Politiker pandemiebedingt im Home Office arbeiten mussten, bemerkten sie plötzlich, dass sie völlig vergessen hatten, das Internet in Deutschland einzuschalten. Von dem Fauxpas betroffen waren auch viele Schülerinnen und Schüler. Die per E-Mail gesendeten Hausaufgaben haben sie nie erreicht. Im schlimmsten Fall kassierten sie dafür sogar einen Strich.
Um diesem Problem zügig Abhilfe zu verschaffen, kündigte Forschungsministerin Anja Karliczek (CDU) jüngst an, in allen deutschen Ortschaften großzügig Milchkannen zu verteilen. Diese seien prädestiniert für einen ruckelfreien Internetempfang.
Wir haben ein Rechtsextremismus- und Antisemitismusproblem
Hanau und Halle sind zwei Städte, die in diesem Jahr traurige Bekanntschaft erlangt haben, die weit über die deutsche Bundesgrenze hinausreicht. Sie stehen symbolisch für die schlimmsten rechtsextremen Anschläge, die es in Nachkriegsdeutschland je gab. Die beiden Täter metzelten auf ihren rassistischen Mordzügen alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellte. Sie mögen Einzeltäter gewesen sein, doch gleichzeitig sind sie auch Ausdruck eines viel tieferliegenden Problems. Wenn in Deutschland regelmäßig jüdische Friedhöfe geschändet werden, dann ist es umso trauriger, dass es der beiden Täter aus Halle und Hanau bedurfte, um auf dieses eindeutige Rechtsextremismus- und Antisemitismusproblem aufmerksam zu werden.
Die Bereitschaft, vieler Demonstrierenden, rechtsextremen Symbolen hinterherzulaufen und sich gleichzeitig als ganz besonders überzeugte Demokraten zu gerieren, ist nicht nur heuchlerisch, sondern vor allem besorgniserregend. Die Grenzen zwischen Legitimität und absolutem No-Go verschwimmen immer mehr. Die Stimmen, die sich dagegen wehren, werden an vielen Stellen niedergebrüllt. Das Gewaltmonopol des Staats steht nicht zuletzt deshalb in Frage, weil selbst in der Polizei seit langem ein rechtsextremer Geist herumspukt. Anstatt dieses Problem ernstzunehmen und der Mehrheit der rechtschaffenden Polizistinnen und Polizisten den Rücken zu stärken, schiebt unser werter Herr Innenminister in einem Anfall von altersbedingter Sturheit und Senilität das Problem einfach beiseite. Horst Seehofer ist nicht die Lösung des Problems, sondern ein Teil davon.
Sophie Scholl lebt
Lange lehrten uns die Geschichtsbücher, dass die mutige Widerstandskämpferin Sophie Scholl am 22. Februar 1943 von den Nazis ermordet wurde. In diesem Jahr kam es aber in Hannover zu einer wundersamen Wendung. Die bisher unscheinbare Jana aus Kassel trat nämlich auf einer Demo gegen die Corona-Maßnahmen auf und machte unmissverständlich klar: Der Geist von Sophie Scholl ist in sie eingefahren und hat sie zur Gegenbewehr berufen. Nicht noch einmal sollte es so weit kommen, dass Deutschland von angeblichen Demokraten zu einer Diktatur umgebaut würde. Dieses Mal seien sie und ihre Gefährten besser gerüstet: tausende Menschen auf Demonstrationen statt ein paar Dutzend Flugblätter an der Uni, öffentliche Entrüstung statt stillem Protest, mediale Aufmerksamkeit statt klammheimlicher Gerichtsverfahren. Ihre 1,0 im Leistungskurs bei Herrn Höcke hat sich dieses Mädel wahrlich verdient!
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Der Pandemie fiel dieses Jahr auch ein echter Kultklassiker zum Opfer. Kein Weihnachtsfest der vergangenen 30 Jahre verging ohne den legendären Ohrwurm von Wham!, der uns Jahr für Jahr darauf einschwor, im nächsten Jahr nicht so leichtgläubig das eigene Herz zu verschenken. Er lief wirklich überall: im Radio, im Supermarkt, im Kaufhaus, in der Bahnhofshalle, teilweise sogar im Fahrstuhl. In der Zwischenzeit konnte man sich mit seinen Liebsten treffen und sich über die virtuosen Vorzüge dieses Meisterwerks austauschen. Genau diese Gelegenheit fiel dieses Jahr wegen Corona weg. Die Menschen hatten keine Möglichkeit, dieses Lied wenigstens für ein paar Minuten hinter sich zu lassen. Schnell verkam der sonst so beliebte Weihnachtssong zu einer nervtötenden Begleitmusik, die wir im nächsten Jahr sicher nicht mehr hören wollen.
Gegenvorschlag:
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