Keine leichte Rückkehr

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Die Masken, sie fallen – in manchen Ländern früher, in anderen Ländern später. Deutschland gehört zu den Schlusslichtern, was die Lockerung der Coronamaßnahmen betrifft. Während sämtliche Infektionsschutzregeln in Ländern wie Dänemark und Schweden schon vor Wochen gefallen sind, setzt die deutsche Regierung lieber auf einen Drei-Stufen – Plan, der bis Ende März Schritt für die Schritt viele Maßnahmen lockert oder sogar ganz aussetzt. Doch selbst wenn die epidemische Lage es zuließe, alle Maßnahmen sofort zu beenden, stellt sich ein weiteres unterschätztes Problem: Sind die Menschen bereit für ein Leben ohne Pandemie?

Nicht ohne meine Maske

Fakt ist: Nach zwei Jahren Corona wird es vielen Menschen nicht leichtfallen, wieder auf Normal zu schalten. Viele haben es verlernt, einen unbeschwerten Alltag zu führen. Das fängt bei einer zentralen Maßnahme an, über die 2020 viele die Augen verdrehten, an die sich mittlerweile aber fast alle gewöhnt haben. Der Wegfall der Maskenpflicht würde für viele Bürgerinnen und Bürger einen empfindlichen Eingriff in ihre festgefahrene Routine bedeuten. Wie selbstverständlich ziehen sich viele inzwischen einen Mund-Nasen – Schutz auf, wenn sie geschlossene Räume betreten. Zum wöchentlichen Einkauf und zum Kinobesuch gehört die Maske zwischenzeitlich einfach dazu.

Früh erkannten die Menschen den wertvollen Beitrag der Maske im Kampf gegen die Pandemie. Voller Überzeugung trugen sie sie im Supermarkt, in Bus und Bahn und in überfüllten Innenstädten. Der Tragekomfort vieler Masken sprach sich ebenso schnell herum wie ihre aufbauende Wirkung auf die Ohrenmuskulatur. In mehreren Städten und Gemeinden haben sich daher Bürgerverbände zusammengefunden, die unter dem Motto „Nicht ohne meine Maske“ gegen die Abschaffung der liebgewonnenen Maßnahme protestieren.

Maskenpflicht unter der Hand

Nicht jeder Mitbürger tritt so energisch gegen den Wegfall dieser Maßnahme ein. Viele Experten sind sich allerdings sicher, dass die meisten Menschen das Tragen der Maske beibehalten werden, auch wenn es nicht mehr vorgeschrieben ist. Gerade in infektionsrelevanten Situationen wie Demos und Großveranstaltungen erwarten sie ein diszipliniertes Weiterleben der Maskenpflicht.

Trotzdem erwarten sie auch negative Auswirkungen durch die Abschaffung der Maßnahme. Einzelne Verhaltensforscher skizzieren schon jetzt regelrechte Entzugserscheinungen. Diese beinhalten sowohl psychosomatische Reaktionen wie Unruhe, Orientierungslosigkeit und Schlafstörungen als auch körperliche Beschwerden wie Atemprobleme und eine ständig laufende Nase.

Es lebe der Sündenbock

Die Aufhebung sämtlicher Maßnahmen zur Eindämmung des Virus bedeutet faktisch das Ende der Pandemie. Sicher werden sich auch in den kommenden Monaten Menschen infizieren. Viele Wissenschaftler setzen ihre Hoffnungen aber auf die Erreichung eines endemischen Zustands. Maskenpflicht und Zugangsbeschränkungen zu Restaurants, Kinos und Kultureinrichtungen spielen dann keine Rolle mehr. Doch auch die Diskussion um eine allgemeine Impfpflicht müsste in der Folge ausgesetzt werden.

Das Ende der Pandemie würde also besonders für Ungeimpfte der Freedom Day werden. Denn ohne akute Pandemie könnte man diese Gruppe kaum zu einer Impfung drängen oder sie weiterhin für die katastrophalen Zustände im Gesundheitswesen verantwortlich machen. Auch das würde für viele eine echte Umstellung bedeuten.

Viel zu sehr haben sich manche daran gewöhnt, die Schuld für die missliche Lage fast ausschließlich den ungeimpften Mitbürgerinnen und Mitbürgern in die Schuhe zu schieben. Da Menschen in schwierigen Situationen immer dazu neigen, einen Sündenbock auszumachen, stellt sich die Frage, wer als nächstes dran glauben muss.

Zweifelhaftes Comeback

Es ist gut möglich, dass die Klimakrise wieder stärker ins Bewusstsein der Gesellschaft rutscht. Es kann daher leicht zu einem Revival des Konflikts Jung gegen Alt kommen. Besonders gefährdet sind ältere Menschen, die ihre Renten mit selbstgesammelten Pfandflaschen aufbessern müssen und sich bestenfalls das Steak vom Discounter leisten können. Die hohe Inflationsrate verwehrt ihnen künftig sogar den Zugang zu gesundem Obst und Gemüse. Auch hier müssen sie auf klimaschädliche Alternativen zurückgreifen.

Die Gründe ihrer Kaufentscheidung spielten schon vor zwei Jahren keine Rolle. Offene Diskriminierung gedeiht auch, wenn es nachvollziehbare Gründe für ein bestimmtes Handeln gibt. Welchen besseren Beweis gibt es dafür als die Stimmung gegen Ungeimpfte in der Coronapandemie?

Nervenkitzel und Wirtschaftseinbruch

Auch viele Psychologinnen und Psychologen schlagen angesichts der nahenden Lockerungswelle Alarm. Sie vermuten, dass es den meisten Menschen sehr schwerfallen wird, sich wieder an einen geregelten Alltag zu gewöhnen. In der Pandemie wusste man nie, was der nächste Tag bringt. Großzügiges Vorausplanen war schlicht nicht möglich. Die Menschen mussten sich quasi täglich an neue Regeln und Gegebenheiten anpassen. Der drohenden Planungssicherheit sehen die Experten mit Sorge entgegen. Sie befürchten, dass der triste Alltag zu einem signifikanten Anstieg von psychischen Erkrankungen wie Depressionen und Bore-Out, dem Gegenteil von Burn-out, führen kann.

Hinzu kommt, dass die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie alles andere als einheitlich waren. Sie waren teilweise auf Landkreise beschränkt und richteten sich nach der aktuellen Bedrohungslage durch das Virus. Es verlangte den Menschen viel ab, wenn sie wissen wollten, welche Maßnahmen aktuell für sie galten. Es war für viele durchaus mit einer gewissen Spannung verbunden, ob sie ins Einkaufszentrum oder zum Friseur durften und was sie bei dem Besuch zu beachten hatten. Dieser fehlende Nervenkitzel kann sich spürbar auf das Konsumverhalten der Menschen auswirken. Manche werden in ausgedehnten Shoppingtouren oder feuchtfröhlichen Clubbesuchen keinen Sinn mehr sehen, wenn sie vorher nicht die Bestätigung erhalten, dass sie zu einer exklusiven Gruppe gehören. Die Folgen für die Wirtschaft liegen auf der Hand.

Die Rückkehr in den Alltag ist aber auch mit einem nicht zu unterschätzenden Frustrationspotenzial verbunden. Viele Menschen haben sich Gepflogenheiten abgewöhnt, die vor Corona völlig selbstverständlich waren. Das fängt bei einem sozialverträglichen Umgang miteinander an, betrifft aber auch die tägliche Garderobe. Dr. Merle Gutzeit vom Psychologischen Institut der Universität Mannheim führt dazu aus: „Einige Menschen werden mit Sicherheit Schwierigkeiten haben, sich wieder angemessen anzukleiden. Mancheiner hat im Home Office vielleicht sogar schon vergessen, dass das Tragen einer Hose zum guten Stil gehört.“ Die Psychologin rechnet damit, dass sich diese Menschen den gesellschaftlichen Konventionen zwar beugen werden, aber mit der Zeit ein Ventil für den damit verbundenen Frust benötigen. „Möglich wären hier Demonstrationen von Menschen, die das Tragen einer Hose als Grundrechtseingriff verstehen und dagegen protestieren – unten ohne übrigens.“ Auch sie fordert von der Politik, solche unerwünschten Nebeneffekte der Lockerungen einzukalkulieren.

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Zum Schwarzärgern

Lesedauer: 6 Minuten

In den vergangenen Wochen meldeten sich gleich mehrere Verkehrsunternehmen zu Wort: In ihren Bussen und Bahnen soll Schwarzfahren künftig nicht mehr möglich sein. Fahrgäste können sich die entsprechende Leistung zwar weiterhin erschleichen, was sie aber dann tun, soll fortan einen Namen tragen, welcher nicht mehr diskriminierend aufgefasst werden kann. Mit dem Vorstoß wird ein weiteres altes deutsches Wort praktisch unbrauchbar, weil es derart rassistisch entstellt wird, damit es danach niemand mehr ungestraft in den Mund nimmt. An echtem Rassismus ändert die Entscheidung wenig. Das Image der Verkehrsunternehmen poliert sie dafür ordentlich auf.

Aus Spaß wird Ernst

Vor kurzem gaben die Verkehrsbetriebe München und Berlin bekannt, dass sie in Zukunft auf den Begriff „Schwarzfahren“ verzichten wollten. Sie reagierten damit auf eine erhöhte Sensibilität gegenüber sprachlicher Diskriminierung. Das Fahren ohne gültigen Fahrschein stellt eine Ordnungswidrigkeit dar, die bundesweit zu hohen Bußgeldern führen kann. Man wollte diesen Regelverstoß nicht in Zusammenhang mit Mitbürgerinnen und Mitbürgern mit afrikanischen Wurzeln bringen. Zwischenzeitlich zogen die Hannoverschen Verkehrsbetriebe bei dieser Antidiskriminierungskampagne nach. Auch sie verzichten fortan auf die Bezeichnung des Schwarzfahrens.

Vor wenigen Jahren hätte auf diese Weise eine bissige Satire begonnen. Sie hätte gezeigt, wie leicht ein an und für sich gutes Anliegen ad absurdum geführt werden kann. Die genannten Verkehrsunternehmen haben diese Überspitzung nun in die Tat umgesetzt. Aus Fiktion wurde Realität, aus Satire bitterer Ernst.

Zurück zu den Wurzeln

Dabei ist selbst den Verkehrsunternehmen klar, dass sich das Wort „Schwarzfahren“ nicht von der Farbe ableitet. Das Wort entstammt dem Jiddischen, wo „shvarts“ so viel wie „arm“ bedeutet. Schwarzfahrer sind also eigentlich arme Menschen, die sich eine Leistung erschleichen, weil sie nicht genug Geld haben, um dafür zu bezahlen. Doch wie man es dreht und wendet, es bleibt eine Ordnungswidrigkeit, die in bestimmten Fällen sogar strafrechtliche Konsequenzen nach sich zieht. Natürlich möchte man niemanden pauschal mit dieser illegalen und sinistren Note versehen.

Immerhin wissen die Befürwortern nur zu gut, dass das Konstrukt Sprache einem ständigen Wandel unterliegt. Fast jeder assoziiert den Begriff „Schwarzfahren“ heute mit der Farbe Schwarz und denkt dabei an nichts Gutes. Gleichzeitig hat sich das Wort „Schwarze“ für Menschen mit ursprünglich afrikanischer Herkunft eingebürgert. Dieses unweigerliche Paradox muss nun unter allen Umständen aufgelöst werden.

Sprache im Wandel

Was liegt da näher als die Kriminalisierung des Worts „Schwarzfahren“? Die Debatte um diesen Begriff erfreut sich besonders in linksliberalen Kreisen großer Beliebtheit. Gerade Vertreter aus diesem Milieu weisen immer wieder auf den immerwährenden Wandel von Sprache hin. Sie erkennen dabei aber stets nur einen einseitigen Wandel. Dieser Wandel zielt immer auf die Diskriminierung von Minderheiten ab. Aus diesem Grund ist der Begriff „Zigeuner“ heute auch nicht nur aus den Supermarktregalen verschwunden, es ist heute ebenfalls verpönt, unartige Kinder ebenso zu bezeichnen. Allerdings haben die meisten Menschen dabei gar keine diskriminierenden Hintergedanken. Ein Wandel des Worts hin zu einer belanglosen Beschreibung von schlechtem Benehmen ist für den selbsternannten linksliberalen Sprachforscher nicht denkbar.

Keinen Menschen interessiert heute mehr, dass das Wort „Schwarzfahren“ seinen Ursprung im Jiddischen hat. Für die meisten ist die Farbe Schwarz eine böse Farbe, eine finstere Farbe. Sie haben damit nicht Unrecht. Von jeher wurde die Farbe Schwarz mit dem Bösen assoziiert. In der Literatur war sie schon immer die Farbe der Nacht und des Todes. Daher ist es auch kein Zufall, dass sich der Begriff „Schwarzfahren“ für dieses Erschleichen von Leistungen etabliert hat. Besonders gut untermauerte der Begriff das Verbotene an dieser Verhaltensweise.

Am Ziel vorbei

Die linksliberalen Sprachforscher stecken nun in einer schwierigen Zwickmühle. Einerseits müssen sie anerkennen, welche Bedeutung die Farbe Schwarz in Literatur und Kultur hat, andererseits haben sie selbst den Begriff „Schwarze“ für Menschen mit afrikanischen Wurzeln durchgedrückt, um wirklich rassistische Bezeichnungen für diese Menschen zu unterbinden. Wenn sie nun den Begriff „Schwarzfahren“ aus dem Sprachgebrauch verbannen möchten, um weiter gegen Rassismus und Diskriminierung vorzugehen, erweisen sie diesem wichtigen Anliegen allerdings einen Bärendienst. Sie verlagern fast die gesamte Aufmerksamkeit auf die negative Konnotation des Worts „schwarz“ und schüren damit rassistische Ressentiments, wenn manche Mitmenschen als „Schwarze“ bezeichnet werden.

Immer deutlicher wird dadurch, dass nicht der Begriff des Schwarzfahrens rassistisch ist, sondern die generelle Pauschalisierung bestimmter Menschen als Schwarze. Plakativ gesprochen reißen die größten Gegner des Worts „Schwarzfahren“ mit dem Hinterteil das ein, was sie mit den Händen aufgebaut haben. Außerdem gibt es einige Anhaltspunkte, dass es diesen Verfechtern politisch korrekter Sprache überhaupt nicht um Antidiskriminierung geht.

Ein PR-Gag

Wenn einzelne Verkehrsunternehmen das Wort „Schwarzfahren“ aus ihrem Vokabular verbannen, weil es ihrer Meinung nach rassistisch aufgegriffen werden kann, dann ist das ihr gutes Recht. Sprache ist nicht in Stein gemeißelt. Die deutsche Sprache bietet eine Fülle anderer Möglichkeiten, die besagte Ordnungswidrigkeit zu umschreiben. Sobald sie dieses Vorhaben allerdings derart penetrant publik machen, dazu Pressemitteilungen verschicken und Interviews geben, wird ihre wahre Motivation deutlich.

Die Verkehrsunternehmen haben erkannt, dass es inzwischen durchaus gesellschaftliche Pluspunkte zu sammeln gibt, wenn man sich öffentlich derart vielfältig und tolerant darstellt. Das bloße Statement, möglichst antirassistisch zu sein, zählt mehr als der wahre Schutz von Minderheiten vor tatsächlicher Diskriminierung. Immerhin schüren diese Betriebe rechte Ressentiments, wenn sie die Aufmerksamkeit derart auf die negative Konnotation des Worts „schwarz“ lenken.

Dass es diesen Unternehmen in erster Linie um die Abgabe politisch gefeierter Statements geht, wird aber auch aus einem anderen Grund offensichtlich. In vielen anderen Verkehrsunternehmen ist es nämlich längst üblich, auf den alten Begriff des Schwarzfahrens zu verzichten. Hier wurde diese Bezeichnung ebenfalls durch andere Begriffe ersetzt. Diese entsprechen in den meisten Fällen außerdem der geschätzten deutschen bürokratischen Präzision. Und damit ist der Kuchen gegessen. Viele Verkehrsverbünde begnügten sich damit, diese Angelegenheit schnell und reibungslos über die Bühne zu bringen. Sie hatten nie vor, das Thema derart aufzubauschen und ihren Fahrgästen ein schlechtes Gewissen einzureden, wenn sie bestimmte Begriffe verwendeten. Kein Hahn hätte danach gekräht. Aber genau das ist den Verkehrsunternehmen von München, Berlin & Co. zu leise.

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Buntes Wunder für die UEFA

Beitragsbild: Chickenonline, pixabay.

Lesedauer: 8 Minuten

Es hätte ein fulminantes Zeichen gegen die Diskriminierung sexueller Minderheiten werden können. Doch die UEFA weigerte sich, das Allianz-Stadion in München beim EM-Spiel gegen Ungarn in den Regenbogenfarben beleuchten zu lassen. Diese Entscheidung führte zu massiver Kritik und entfachte eine hitzige Debatte. Diskutiert wurde allerdings weniger die Lage der real Diskriminierten in Ungarn, sondern die angebliche Homophobie der UEFA. Anstatt über eine potentielle Rückwärtsgewandtheit im Fußball zu sprechen, sollte man sich lieber darauf konzentrieren, dass bloßes Fahnenschwingen nicht die einzige Reaktion auf die neuen ungarischen Gesetze bleiben.

Verspielte Chance

Mehrere Wochen war im Netz eine Petition gegen Homophobie und die systematische Benachteiligung von Homo- und Transsexuellen in Ungarn aktiv. Konkret ging es darum, das Allianz-Stadion in München während des EM-Spiels Deutschland : Ungarn in den Regenbogenfarben erleuchten zu lassen. Dadurch wollte man ein klares Signal setzen gegen die homophobe ungarische Regierung. Immerhin hatte das ungarische Parlament vor kurzem einem Gesetz zugestimmt, das homo- und transsexuelles Leben aus Kinder- und Jugendmedien verbannt.

Bei der UEFA (Union of European Football Associations) stieß das Anliegen allerdings auf taube Ohren. Der europäische Fußballverband wollte sich an dieser Aktion für mehr Toleranz und gegen Diskriminierung nicht beteiligen. Stattdessen verwies er auf seine politische Neutralität. Die Beleuchtung des Stadions hingegen sei ein politisches Statement.

Die UEFA verpasste damit eine Chance, sich gegen ein undemokratisches Gesetz zu positionieren. Dabei hätte der Verband gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen können: Einerseits hätte er ein klares Zeichen gegen Viktor Orbán und seine LGBTQI-feindliche Kampagne setzen können, andererseits hätte er beweisen können, dass der deutsche und europäische Fußball kein Ort mehr sei, der vor sexuellen Minderheiten hermetisch abgeriegelt ist. Denn weiterhin ist Homosexualität im Männerfußball ein Tabuthema. Es gibt weiterhin kein aktives Mitglied der deutschen Nationalmannschaft, welches offen homosexuell lebt. Auch das ist ein Statement.

Unfreiwillig homophob

Es ist nur allzu verständlich, dass sich gegen die Entscheidung der UEFA Widerstand regt. Die Praxis der UEFA stößt viele Menschen vor den Kopf. Rasant schnell hat die Empörung allerdings eine Dimension erreicht, welche das eigentliche Anliegen bei weitem übersteigt. Öffentlichkeitswirksame Presse erhielt die Petition erst, nachdem die UEFA ihr nicht entsprach. Leider setzten die Medien dieses Frustrationspotenzial nicht dazu ein, der Petition zum Erfolg zu verhelfen. Dann wäre den Schwulen, den Lesben und den Transsexuellen in Ungarn nämlich weitaus besser geholfen gewesen als durch das Jammern über vergossene Milch.

Stattdessen wurden die Rufe immer lauter, die UEFA habe sich durch ihr Nicht-Handeln öffentlich zu ihrer Homophobie bekannt. Das ist vollkommener Blödsinn. Die ungarische Regierung hat sich eindeutig als homophob erwiesen, nicht erst durch das neue Gesetz. Nun aber die UEFA derart hart anzugehen, weil sie nicht sofort auf jede politische Entwicklung angemessen reagiert, ändert an echter Homo- und Transfeindlichkeit nichts. Statt den europäischen Fußball als offen homophob zu geißeln und damit die wahren Täter vom Haken zu lassen, sollte man seine Kräfte lieber darauf konzentrieren, dass die nächste Aktion ein voller Erfolg wird.

Dass das gelingen kann, zeigten die zahlreichen Aktionen von Fans, Privatpersonen oder öffentlichen Einrichtungen. Am Tag des Spiels erstrahlte das Allianz-Stadion zwar nicht besonders bunt, aber an vielen anderen Stellen wurden die Regenbogenfahnen gehisst. So verhalf man diesem wichtigen Anliegen doch noch zu einem Teilerfolg, weil Toleranz und Vielfalt an diesem Tag sichtbar waren – und zwar entgegen dem Wunsch aus Ungarn.

Moralische Demontage

Doch sogar die Tagesschau ließ sich am vergangenen Dienstag dazu hinreißen, die geplatzte Petition als erste Meldung in der 20-Uhr – Ausgabe zu verkünden. Die fehlende Pride-Beleuchtung am Münchner Allianz-Stadion war sicher eine Meldung wert, doch ist es unverständlich, warum gewerkschaftsnahe Streiks in Frankreich, die Aufarbeitung des wirecard-Skandals und der 80. Jahres des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion dagegen den kürzeren ziehen mussten.

Es ist kein Wunder, wenn die Empörung gegen die UEFA dadurch immer größer wird. Und tatsächlich ist die Entscheidung des Verbands kritikwürdig. Anscheinend ist vielen Akteuren allerdings gar nicht an einer sachlichen Debatte gelegen. Denn die UEFA wird für ihren Beleuchtungsboykott nicht kritisiert, sondern moralisch degradiert und regelrecht zerlegt. Den übermotivierten Aktivistinnen und Aktivisten scheint nicht aufzufallen, dass sie ein bisher unbescholtenes Blatt wie die UEFA mit einer offen homophoben Regierung wie der in Ungarn gleichsetzen. Ganz im Dienste der linksliberalen Gleichschaltung machen sie keinen Unterschied zwischen fehlendem Widerstand und offensiver Aggression.

Wie selbstverständlich erwarten sie von der UEFA, sich aktiv an politischen Debatten zu beteiligen. Bei dieser politischen Durchtränkung sämtlicher Lebensbereiche ist die UEFA nicht das erste und sicherlich auch nicht das letzte Opfer. Anscheinend kann man nicht einmal mehr ein Fußballspiel anschauen, ohne dabei eine politische Botschaft zu vermitteln. Vielleicht lassen sich aus den Länderschals der Fans bald auch Koalitionspräferenzen für nach der Bundestagswahl ablesen.

Politische Neutralität und ziellose Debatten

Man sollte sich sowieso noch einmal die Frage stellen, ob ein Fußballstadion der richtige Ort für politische Botschaften ist. Einerseits erreicht man durch diese populäre Sportart ein sehr großes Publikum, andererseits haben viele beim Fußballschauen keine Lust auf Politik. Und so kritikwürdig die Entscheidung der UEFA auch sein mag – jeder Verein in einer demokratisch verfassten Gesellschaft muss zu jeder Zeit selbst entscheiden können, zu welcher politischen Streitfrage er sich wann und wie und ob überhaupt äußert.

Die jetzt angestoßene Debatte, welche politischen Werte die UEFA vertritt, hat der Verband bereits in seiner Ablehnung der Beleuchtungsanfrage klargemacht: gar keine. Nun darüber zu diskutieren, ob die UEFA möglicherweise politisch rückwärtsgewandt ist, wie es am Mittwoch bei Markus Lanz der Fall war, ist eine ziellose Debatte. Sie kann erstens zu keinem eindeutigen Ergebnis kommen und sie nützt niemandem in diesem Land. Denn kein einziger Fan wird sich nun dauerhaft vom Fußball abwenden, wenn einige Oberschlaue meinen, die UEFA habe sich als homophob erwiesen.

Lichterspiel gegen Diskriminierung

Merkwürdig ist auch, dass man von öffentlichen Einrichtungen, von Institutionen oder eben von Fußballverbänden immer nur dann ein politisches Statement erwartet, wenn uns das eigentliche Problem gar nicht betrifft. Diskriminierung von sexuellen Minderheiten ist auch in Deutschland ein Thema, aber wir sind zum Glück meilenweit von Homophobie per Gesetz entfernt. Wesentlich akuter ist hierzulande eine soziale Diskriminierung durch unhaltbare Arbeitsbedingungen in der Pflege oder bei Paketzuliefererdiensten, durch entwürdigende Behausungen von Mitarbeitenden in Fleischereibetrieben oder durch die unverschämte Lohn- und Gehaltslücke zwischen Männern und Frauen.

Es hat einen säuerlichen Beigeschmack, dass sich die Großen und die Medien immer nur dann durchsetzen und sich empören, wenn sie leicht die Position des moralisch Überlegenen einnehmen können. Die neuen Diskriminierungsgesetze in Ungarn boten nun den Anlass für die Regenbogen-Aktion. Das ist ein ermutigendes Zeichen an all die Menschen, die unter der ungarischen Gesetzgebung leiden. Wenn von der UEFA nun erwartet wird, dass sie ihre Beleuchtung immer dann anpasst, wenn eine bestimmte Gruppe an Menschen diskriminiert wird, dann können wir uns auf ein freudiges Lichterspiel freuen. Aber auch dazu wird die UEFA nicht bereit sein. Und die Empörung darüber wird enttäuschend leise bleiben.

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