Aus eigener Erfahrung

Lesedauer: 9 Minuten

Der immer radikalere und absurdere Protest auf deutschen Straßen erscheint vielen wie eine zwangsläufige Entwicklung. Einige der selbsternannten Querdenker und kritischen Geister mögen zwar total versponnen sein, aber an ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung ändert das nichts. Die meisten übersehen dabei, dass die Verschwörungstheoretiker und rechten Hetzer vielen anderen heute nicht mehr als wirr im Kopf gelten. Zügellos hauen sie eine demagogische Aussage nach der nächsten heraus. Immer weniger Menschen wissen währenddessen aus eigener Erfahrung, wie gefährlich dieses Spiel mit dem Feuer ist. Gegen einen immer lauter werdenden Pulk haben sie aber immer weniger Chancen…

In bester Gesellschaft

Auf dem Marktplatz bereitet sich ein Mann auf seinen großen Auftritt vor. Er ist empört. So wie es ist, kann es nicht weitergehen. Er wird seinem Ärger jetzt Luft machen. Aus Paletten und anderen Holzresten hat er sich eine kleine Kanzel gebaut. Ein paar Passanten sind bereits stehengeblieben. Sie sind gespannt darauf, was der gute Mann wohl zu sagen hat.

Dann ist es soweit. Der Mittvierziger schaltet sein Mikro an, damit möglichst viele Menschen ihn hören können. Und dann legt er los. Vor wenigen Wochen hat er aus heiterem Himmel seine Arbeit verloren. Den Job macht jetzt ein junger Mann aus Rumänien. Der spricht gebrochen Deutsch und versteht die Hälfte nicht, wenn man ihm was erklärt. Genau darüber redet der zornige Mann auf dem Marktplatz. Er hat Angst, denn egal, wo er hinsieht, sieht er Fremde. Im Bus und in der Bahn schreien Dunkelhäutige in ihre Handys. An den Straßenecken muss man aufpassen, damit man nicht von einer Meute jugoslawischer Jugendlicher zusammengeschlagen wird.

Der Mann hat sich mittlerweile so in Rage geredet, dass er gar nicht mitbekommt, dass selbst das Ehepaar, das vor einigen Minuten noch halbinteressiert zugehört hat, in der Zwischenzeit kopfschüttelnd das Weite gesucht hat. Niemand hört ihm zu. Diesem wütenden mittelalten weißen Mann im Jahr 2000.

Wäre er nicht vier Jahre später bei einer weiteren Hasstirade gegen Ausländer an einem Herzinfarkt gestorben, der Mann würde sich heute freuen. Würde er zwanzig Jahre später auf seine Kanzel steigen, dann würden ihm tausende begeistert zuhören. Sie würden ihm zujubeln und Transparente in die Luft halten, welche die Botschaft des Mannes unterstrichen. Heute wäre er kein versponnener Einzelgänger mehr. Unter Querdenkern, Rechtspopulisten und anderem Nazigeschmeiß wäre der Herr heute in bester Gesellschaft.

Andere Zeiten

Den Mann aus dieser kleinen Geschichte, gibt es nicht. Also eigentlich gibt es ihn schon, aber für diesen Artikel habe ich ihn erfunden. Ganz bestimmt gibt es in diesem Land aber zig Menschen, die auf diese Beschreibung passen. Unser kleiner antagonistischer Protagonist war bestimmt auch vergangenes Wochenende in Stuttgart dabei. Boshafte Juxfiguren wie ihn findet man inzwischen alle Nase lang. Er protestiert im Schulterschluss mit noch düstereren Gestalten auf den Straßen und fühlt sich dabei wie ein besonders guter Bürger.

Vor zwei Jahrzehnten hätte er mit seinen Hetzereien kaum so eine durchschlagende Wirkung gehabt. Heute sieht das anders aus. Menschen wie er wissen sich heute einer latenten Unterstützung, einer bereitwilligen Empfänglichkeit in der restlichen Bevölkerung sicher. Anders als um die Jahrtausendwende sind heute viel mehr Menschen dazu bereit, solchen Parolen hinterherzulaufen. Einige halten dagegen. Andere schütteln den Kopf. Aber viel zu viele hören zu und nicken.

Nazi-Logik

Vor ungefähr anderthalb Jahren schrieb ich auf diesem Blog von einem alten Mann in der Regionalbahn, der von defekten Zugklos einen kühnen Gedankensprung zu verhätschelten Flüchtlingen machte (https://svendominic.de/eigentlich-war-hitler-ein-versager/). Auch er wurde von vielen nicht ignoriert. Das Gift der selbsternannten Wutbürger ist bereits tief in unsere Gesellschaft vorgedrungen. So tief, dass heute Sprüche salonfähig sind, mit denen man sich noch vor einigen Jahren völlig ins Aus manövriert hätte.

Der parlamentarische Geschäftsführer der AfD Bernd Baumann nahm am 14. Januar im Bundestag Stellung zur Diskriminierung von Menschen muslimischen Glaubens in Deutschland. Er wunderte sich laut darüber, warum denn immer mehr solcher Menschen nach Deutschland kämen, wenn es ihnen hier doch angeblich so schlecht ginge. Das ist umgekehrte Nazi-Logik. In den 1940er Jahren propagierten die Nazis, die Juden würden freiwillig das Land verlassen, weil sie in Deutschland keine Perspektive für sich sähen. Schon damals versuchte man, die menschliche Logik mit solch fadenscheinigen Argumenten hinter’s Licht zu führen.

Sein Fraktionskollege Markus Frohnmaier steht Baumann dabei in nichts nach. Zu seinen besten Zeiten kündigte er an, seine Partei würde bald aufräumen und nur noch Politik für das Volk machen. Auch er bediente sich eindeutig der Rhetorik der Nazis. Bereits 1940 erklärte der überzeugte Nationalsozialist Hans Frank stolz, der Führer habe die Juden mit einem eisernen Besen aus dem Lande gefegt (https://www.youtube.com/watch?v=gm6qgMeOkJA).

Diese Menschen konstruieren sich selbst einen schlaff anliegenden Maulkorb, von dem sie sich nach Jahren der Unterdrückung endlich befreien. Es ist richtig, dass solche Parolen sehr lange kein Forum hatten. Es stimmt aber nicht, dass diese Menschen in irgendeiner Art und Weise unterdrückt wurden. Man hörte ihnen einfach nicht zu.

Die Erinnerung verblasst

Besonders in Zeiten, in denen von Mahnmalen der Schande die Rede ist, ist eine Erinnerungskultur wichtiger denn je. Die Menschen dürfen nicht vergessen, welch unendliches Leid sie einst verursacht haben – und jederzeit wieder verursachen können. Aktives und kollektives Erinnern gelingt am besten, wenn es Menschen gibt, die die Erinnerung aus eigener Erfahrung wachhalten. Fast 80 Jahre nach dem Ende des Dritten Reiches sind aber nicht mehr viele Zeitzeugen von damals übriggeblieben. Die allermeisten von ihnen sind in der Zwischenzeit gestorben.

Was bleibt, sind die vielen Denk- und Mahnmale, die Einträge in Geschichtsbüchern sowie die Überlieferungen von Zeitzeugen. Je länger der Schrecken allerdings her ist, desto weniger Menschen gibt es, die uns glaubhaft vor den Gefahren warnen können. Es gibt immer weniger Menschen, die darauf achten, dass sich das Geschehene nicht wiederholt.

Direkter Zusammenhang

Die Zeitzeugen, die Vertriebenen und die Holocaust-Überlebenden waren im wahrsten Sinne des Wortes der Impfstoff, der uns vor den düstersten Ideologien gefeit hat. Doch im Laufe der Jahre hat der Impfschutz nachgelassen, die Viruslast steigt. Immer weniger mahnende Zeigefinger halten Verschwörungstheoretiker und Rechtspopulisten davon ab, ihre kruden Theorien zum besten zu geben. Die wenigen noch lebenden Zeitzeugen machen einen immer geringeren Anteil an der Gesamtbevölkerung aus. Die Identifizierung mit dieser Gruppe schwindet. Viele fühlen sich mit diesen Menschen nicht mehr verbunden.

Und das hat nur bedingt mit steigenden Flüchtlingszahlen zu tun. Der Flüchtlingsstrom aus Syrien und anderen Kriegsgebieten dient den rechten Rattenfängern lediglich als Vorwand, um ihre unmenschlichen Ansichten zu begründen. Für viele waren die eigenen Lebensumstände bereits vor fünfzehn oder zwanzig Jahren prekär. Viele waren bereits vor so langer Zeit frustriert und wütend. Dass sie sich in den letzten Jahren aber sehr viel stärker der politischen Rechten zuwandten, hängt mit dem Sterben von Holocaust-Überlebenden direkt zusammen.

Ungünstiges Zusammenspiel

Der Wiederaufstieg der extremen Rechten ist nämlich kein Selbstläufer. Das Wegsterben von Zeitzeugen reicht nicht aus, damit sich das braune Gedankenschlecht breitmachen kann. Hinzu kommen noch teilweise fatale politische Weichenstellungen, die in den vergangenen Jahren eingeleitet wurden. Es ist die Politik der Missverhältnisse, die die Menschen auf die Barrikaden brachte. Jahrelang haben sie sich in sich hineingeärgert. Sie hatten immer weniger Möglichkeiten, sich politisch auszudrücken und auf ihre prekäre Lage aufmerksam zu machen. Bewegungen wie Pegida und später die AfD boten ihnen endlich wieder ein Forum. Dass sie dafür rechte Ressentiments schlucken mussten, nahmen sie billigend in Kauf.

So entwickelte sich schnell eine Spirale, aus der es inzwischen kaum noch einen Ausweg zu geben scheint. Immer schneller und immer weiter entfernen sich viele von einem Wertekanon, bei dem die Würde aller Menschen im Mittelpunkt stand. Die meisten von ihnen bemerken nicht einmal, dass sie die wunderbare Idee der Demokratie gerade in die Tonne klopfen.

Kommen dazu noch unkontrollierbare äußere Einflüsse wie die Coronapandemie, ist das Desaster komplett. Keine Regierung auf der Welt kann etwas dafür, dass uns dieses Virus seit mehr als einem Jahr heimsucht. Kompetente Regierungen hingegen hätten schnell und besonnen reagiert. Sie hätten womöglich auch Fehler gemacht, aber die grundsätzliche Stoßrichtung hätte gestimmt. Versemmelt die Regierung allerdings einen Schlag gegen das Virus nach dem anderen, so ist das natürlich Wasser auf die Mühlen der politischen Ränder.


Derzeit erleben wir ein wahrlich unglückliches Zusammenspiel von ungünstigen Faktoren. Die Regierung regiert seit vielen Jahren faktisch am Volk vorbei, während uns die Coronapandemie zusätzlich vor schwere Herausforderungen stellt. In einer Zeit, in der die extreme Rechte paradiesische Zustände vorfindet und ordentlich zulegt, gibt es dazu immer weniger Menschen, die aus eigener Erfahrung wissen, wie fatal diese Kombination ist. Wir sollten ihnen zuhören, solange wir können und ihre Worte niemals vergessen.


Mehr zum Thema:

Eigentlich war Hitler ein Versager

Teile diesen Beitrag als erstes. Naaa looos!

Schmierentheater

Lesedauer: 7 Minuten

Korrupte Politiker, dubiose Geschäfte und schwarze Kassen: Die Liste an politischen Skandalen der letzten Jahre ist ellenlang. Oftmals lassen sich Politiker für gewisse Gegenleistungen bezahlen, dann wiederum bleiben kriminelle Schiebereien jahrelang unbemerkt. Wie jetzt allerdings zu Tage trat, sind längst nicht alle Eklats so wie sie auf den ersten Blick scheinen. Mehrere überraschende Geständnisse zeigen nun, dass manche Skandale für den eigenen Zweck instrumentalisiert wurden.

Stunde der Wahrheit

Der Fall “Wirecard” ist mit Sicherheit der schwerste Fall von Bilanzbetrug, den Deutschland je gesehen hat. 1,9 Milliarden Euro der Bilanzsumme des Finanzdienstleisters haben in Wahrheit nie existiert. Wirecard hat diese astronomische Summe nur erfunden, um sich einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Seitdem schieben sich die Finanzaufsichtsbehörde BaFin, das Finanzamt und das Bundesfinanzministerium den schwarzen Peter munter hin und zurück. Keiner will verantwortlich dafür sein, dass ein Betrug solch gigantischen Ausmaßes so lange Zeit unbemerkt blieb. Nun nahm der Fall aber eine überraschende Wendung.

Ein Pressesprecher von BaFin gab nun im Namen der Aufsichtsbehörde bekannt, dass die BaFin den Skandal um Wirecard selbst inszeniert hatte. Man fälschte dazu belastendes Material gegen den Finanzdienstleister Wirecard. Über das Ausmaß der Intrige ist man von Seiten der BaFin nun aber doch tief erschrocken.

Sensation oder kalter Kaffee?

Der Pressesprecher führte aus, man hätte seit Jahren mit einer extrem dünnen Personaldecke zu kämpfen. Dazu kamen generell schlechte Arbeitsbedingungen, Überstunden seien die Regel. Ein anderer Mitarbeiter der Finanzaufsicht äußerte sich folgendermaßen: „Laut Stundenabrechnung habe ich bereits seit Anfang Juli mein Jahressoll erfüllt. Eigentlich könnte ich den Rest des Jahres die Füße hochlegen und mir meine Überstunden ausbezahlen lassen.“

Die Behörde beklagt sich inzwischen über unhaltbare Arbeitsbedingungen. Man teile sich zu dritt einen Computer, das Internet falle im Halbstundentakt aus, der Kaffee sei kalt. Laut ihrer offiziellen Darstellung habe die BaFin überhaupt keine andere Möglichkeit gehabt als zu solch drastischen Mitteln zu greifen. „Dass wir seit Jahren deutlich unterbesetzt sind und unseren Aufgaben nicht mehr in ausreichendem Umfang nachkommen können, ist seit Jahren bekannt. Wir wollten mit dem inszenierten Skandal auf unsere Probleme aufmerksam machen“, erklärt der Pressesprecher des Unternehmens.

Spiel mit dem Feuer

Das Ergebnis der Intrige sieht man bei der BaFin mit gemischten Gefühlen. Einerseits würde tatsächlich über die Zustände bei der Behörde diskutiert, andererseits verlagerte sich die öffentliche Aufmerksamkeit zu schnell auf andere. Dass nun tatsächlich gegen hochrangige Vertreter von Wirecard ermittelt würde, hätte man so nicht gewollt. Eher ging man davon aus, dass sich die allgemeine Entrüstung gegen Wirecard bald legen würde und man sich um eine Sanierung der angeschlagenen Finanzaufsicht kümmern würde. Gerade deshalb hätte man die Betrugssumme auch so hoch angesetzt. „Wir haben es tatsächlich nicht für möglich gehalten, dass eine so grotesk hohe Summe über einen so langen Zeitraum ernstgenommen wird. Heute sehen wir das natürlich anders“, so die Aufsichtsbehörde. Man entschuldige sich in aller Form bei dem Zahlungsdienstleister gegen den weiterhin polizeilich ermittelt würde.

Das plötzliche Einlenken der BaFin löste eine regelrechte Welle an ähnlichen Geständnissen aus. Auch die Polizeigewerkschaft von Berlin ließ nun die Hosen herunter. Es sei die bewusste Entscheidung der Einsatzleitung gewesen, dass bei der hochkontroversen Corona-Demo vom 29. August zeitweise nur drei Beamte das Reichstagsgebäude sicherten. Seit Wochen habe man gewusst, dass die extreme Rechte einen Sturm auf das historische Gebäude plante. Ungeniert tauschten sich Reichsbürger, Neonazis und andere Extremisten in teilweise öffentlich zugänglichen Internetforen über ihre Pläne aus. Von Seiten der Berliner Polizei war man sich vollauf bewusst, welche Bilder entstünden, wenn man nur eine Handvoll Beamte vor dem Reichstag postierte.

Falsche Debatte

Über die nun losgetretene Diskussion sei man allerdings irritiert. Der zuständige Polizeisprecher räumte ein, dass man mit dieser unzureichenden Sicherung ein Zeichen setzen wollte. Die Berliner Polizei wollte zeigen, in welch absurd kläglichem Zustand sich die Behörde aktuell befände. „Bevor die Situation wirklich eskalierte, hat der Einsatzleiter weitere Kräfte an den Bundestag beordert. Die Situation war schnell wieder unter Kontrolle. Es ging uns lediglich um die Bilder.“

Diese Bilder sollten verdeutlichen, dass auch die Polizei unter einem enormen Personal- und Ausstattungsproblem leidet. „Immer wieder ist von Polizeiversagen und Ermittlungspannen die Rede. Das liegt aber vor allem daran, dass wir seit Jahren zu wenig Geld bekommen, um für den Ernstfall ausreichend gerüstet zu sein“, erläutert der Sprecher.

Da die Inszenierung aber nicht den gewünschten Erfolg hatte, beschloss die Berliner Polizeigewerkschaft, die Angelegenheit aufzulösen. Die öffentliche Debatte gehe auch hier in eine völlig falsche Richtung: „Wir wollten nicht, dass jetzt alle wieder nur über die Nazis reden. Wir wollten, dass sich die Leute fragen, warum es so weit kommen konnte; warum nur drei Polizisten vor dem Bundestag standen“, kritisiert der Pressesprecher. Die Berliner Polizei sei erstaunt darüber, wie sehr die Menschen im Land noch über solche Naziaufmärsche erschraken. Spätestens nach dem Lübcke-Mord und den Anschlägen von Halle und Hanau sei das Rechtsextremismusproblem doch mit Händen zu greifen. Anstatt über Bundesverdienstkreuze zu diskutieren, wünscht sich die Berliner Polizei mehr Geld und mehr Personal, um solche Szenen in Zukunft zu vermeiden.

Alles Lüge

Wie viele weitere Skandale jüngerer Zeit auch inszeniert waren, wird wohl nie ganz zu klären sein. Die Berliner Polizei und die BaFin sind hierzulande die einzigen, die sich nun offiziell zu ihren schmutzigen Kampagnen bekannten. Im Nachbarland Österreich sorgten währenddessen die Sozialdemokraten für Entsetzen. Ein Whistleblower aus den eigenen Reihen lancierte das Gerücht, die SPÖ steckte hinter der Ibiza-Affäre. Er berief sich auf schwer belastendes Material gegen die Parteispitze. Ganz offensichtlich traf er damit ins Schwarze. Bereits nach diesen vagen Drohungen bekannte sich der Parteivorstand zu den Vorwürfen. In einer schriftlichen Presseerklärung räumten die österreichischen Sozialdemokraten ein, alle Beteiligten geschmiert zu haben.

Besonders brisant: Auch die Hauptperson in dem Skandal, Heinz-Christian Strache sei für seinen Auftritt in Ibiza bezahlt worden. Die Rede ist von mehreren Millionen Euro. So habe man den ehemaligen Vizekanzler dazu überredet, seiner eigenen Partei enormen Schaden zuzufügen. Die SPÖ wird an dieser Stelle besonders deutlich: „Das war überhaupt nicht schwer, die Aussicht auf das Geld hat gereicht.“ Die SPÖ war seinerzeit überrascht, dass das Video als authentisch empfunden wurde, obwohl Strache selbst immer wieder in die Kamera schaute.

Auch zu den Motiven hinter der Intrige nahm die Partei Stellung: „Auf herkömmliche Nazi-Skandale wie Antisemitismus und ausländerfeindliche Hetze springt doch heute keiner mehr an. Wir haben die FPÖ dort getroffen, wo sie am verwundbarsten ist: bei ihrer Gier und bei ihrer Ehre.“ Die SPÖ hat dabei ihre eigene Erklärung, warum das Video so hohe Wellen schlug. Ein kommunaler Abgeordneter meint dazu: „Korruption gehört dazu und ist längst nicht so tabu, wie viele glauben. Der Skandal an Ibiza ist, dass man sich dabei erwischen lässt.“

Teile diesen Beitrag als erstes. Naaa looos!

Warum ich Harry Potter heute liebe – und früher hasste

Lesedauer: 8 Minuten

Jemand, der Harry Potter hasst? Wo gibt’s denn so was? Ob gelesen oder nur im Kino geschaut – der elfjährige Zauberlehrling eroberte die Herzen aller Kinder. Aller Kinder? Nicht ganz. Ein blonder Besserwisser leistete erbitterten Widerstand. Und hat ihn heute aufgegeben. Dies hier ist die Geschichte von Harry und mir. Eine Geschichte von Hypes, Zauberkräften und Politik.

Ich hasse Hypes. Was andere machen, finde ich generell uninteressant. Besonders wenn viele es machen. Oder alle. PokémonGo, zum Beispiel. Was für ein absurder Trend war das denn bitteschön? Als würden die Leute nicht schon genug von ihrem Smartphone hypnotisiert, nein, da entwirft Nintendo eine App, die noch weiteren Chiropraktikern ungeahnte Verdienstmöglichkeiten aufgrund akuter Nackenschmerzen verschafft. Die Taschenmonster waren plötzlich überall. In Schulen, in Bahnhöfen, auf Festplätzen. Sogar auf dem Friedhof. Aber für Hypes gilt eben das gleiche, was Oma früher schon über Lasagne gesagt hat: Vom Aufwärmen wird’s nicht besser.

Ein Trend unter vielen

Dass manche Hypes eine Affinität zum Schauplatz „Friedhof“ haben, dürfte spätestens nach der Bedrohung durch die sogenannten Horror-Clowns jedem klar sein. Hier allerdings war der Ansatz scheinbar, möglichst viele Hype-Opfer auf direktem Wege mit Baseballschlägern und Elektroschockern auf den Friedhof zu katapultieren. Man sieht, Hypes führen immer bergab. Wie gelangweilt und frustriert muss ein Mensch sein, um sich einem solchen Phänomen anzuschließen?!

Aber genug von inszenierten Monsterkämpfen und psychisch labilen Arbeitslosen. Kommen wir auf einen wesentlich harmloseren und sozial verträglicheren Hype zu sprechen: Once upon a time…die Geschichte des Zauberlehrlings Harry Potter.

Zauberer auf Besen und Hexen mit Zauberstäben? No way!

Jeder, in Großbuchstaben: JEDER! schien ergriffen von der Erzählung um den schmächtigen Brillenträger mit der Blitznarbe. Ganze Horden an Kindern und Jugendlichen warfen ihre Gameboys in die Ecke. Das Buch war plötzlich wieder in Mode. D’accord, dachte ich mir als damals vielleicht Sechsjähriger. Lesen hatte ich damals als etwas wunderbares kennengelernt. Ich fühlte mich plötzlich so erwachsen. Und dann kam dieser britische Sonderling und versuchte ernsthaft, mein Weltbild ins Wanken zu bringen.

Ich meine, hallo?! Zauberer auf Besen und Hexen mit Zauberstäben, wo gibt’s denn so was? Hexen gehörten für mich in den Wald in ihr Knusperhäuschen. Oder an den Fuß des Vesuvs, immer damit beschäftigt, einen neuen Schlachtplan gegen Dagobert Duck und seinen Glückszehner auszuklügeln. Und Zauberer? Die gehörten ganz bestimmt nicht in die Lüfte. Auf dem Boden der Tatsachen hatten sie ganz andere Dinge zu erledigen. Ihr Wissen und ihre Macht ausbauen, zum Beispiel. Oder auch mal gegen einen Drachen kämpfen.

Ich erinnere mich noch genau: In dem Ort, in dem ich aufwuchs, gab es ein kleines Schreibwarengeschäft. Kaum war der Hype um Harry ausgebrochen, hing an der Tür immer ein Aufhänger von Harry und Hedwig auf seinem Besen. Ich kam also gar nicht daran vorbei, wenn ich mir jeden Donnerstag von meinem hart ersparten Taschengeld die neueste Ausgabe des Micky-Maus – Magazins kaufte. Ständig wurde mir vor Augen geführt, wie scharf die anderen Kinder doch auf die Abenteuer des jungen Zauberlehrlings waren – oder es zumindest sein sollten. Je größer und omnipräsenter dieser Hype wurde desto mehr wehrte ich mich dagegen. Lauthals tat ich damals meine Meinung zu den Romanen von J. K. Rowling kund.

Eine Nachbarin funkt dazwischen

Der absolute Höhepunkt meiner Antipathie gegen den jungen Magier wurde erreicht, als der erste Film in die deutschen Kinos kam. Selbst die allergrößten Lesemuffel wussten jetzt von Harry. Und noch viel schlimmer: Sie wussten, wie er aussah. Okay, ich habe keine Blitznarbe auf meiner Stirn und meine Haare sind auch nicht dunkel. Aber ich trage eine Brille. Gepaart mit meiner offenkundigen Abneigung gegen die Geschichten um Hogwart & Co. war das genug „Ähnlichkeit“ für so manchen Gleichaltrigen, um mich damit aufzuziehen. „Harry Potter“ avancierte schnell zu meinem neuen Spitznamen unter diesen Minderbemittelten. Die können eigentlich froh sein, dass ihre eigene Stirn heute nicht von einer Blitznarbe verschönert wird. Aber genug zu den Gewaltfantasien eines Neunjährigen.

Als ich 2003 auf das Gymnasium kam, nahm eine Nachbarin das zum Anlass, mir ein ganz besonderes Geschenk zu machen: den Roman von Harrys viertem Jahr in der Zauberschule. Ganz großes Tennis! Das Gerücht, ich wäre die größte Leseratte, die unsere Straße je erlebt hatte, war ganz offensichtlich selbst bis zu ihr vorgedrungen. Nicht aber der unbestreitbare Fakt, dass ich mit Harry Potter nichts anfangen konnte. Ich verspürte eine seltsame Mischung aus schierem Unglauben und der Schuld, mich näher mit diesem Geschenk befassen zu müssen. Immerhin hatte ich bis dahin noch nie ein Buch weggelegt, das mir unter die Nase gehalten wurde. Außerdem verfolgte mich die paranoide Vorstellung, meine Nachbarin könnet jederzeit aus einer dunklen Ecke springen und mich über den Inhalt des Wälzers abfragen.

Notgedrungen gab ich mich also der zweifelhaften Lektüre hin. Und was soll ich sagen? Das Buch war … gut? Was ich las, faszinierte mich und zog mich von der ersten Seite in den Bann. Es gab nur ein kleines Problem. Ich hatte überhaupt keine Ahnung, worum es eigentlich ging. Wichtige Informationen aus den vorherigen Büchern fehlten mir. Es gab nur einen Ausweg: Ich musste meine alten Prinzipien vollends über Bord werfen und mich auch den anderen Romanen der Reihe zuwenden.

Kurzversion: Nachdem ich meinen inneren Konflikt (manche nennen ihn Krieg) überwunden hatte, nahm ich zunächst mit den bisher erschienen Filmen Vorlieb, um meine Wissenslücken zu schließen. Die ersten drei Romane las ich erst nach dem vierten Roman. Zwischenzeitlich war der fünfte Teil raus, der prompt begeistert von mir verschlungen wurde – ganze dreimal bevor Teil 6 erschien, um ehrlich zu sein. Gut, die Filme waren ab Askaban eine herbe Enttäuschung nach der anderen, aber dafür kann die Rowling ja nichts.

Ein neues Lieblingsbuch?

Was mich an den Büchern so reizte, sollte mir erst später klarwerden. Sicherlich nicht die große Beliebtheit der Serie. Zugegeben konnte man bei Erscheinen des Halbblutprinzen gar nicht mehr von einem Hype reden; der war längst abgeflacht. Ich für meinem Teil hatte bereits die englischen Originale gelesen und mich für ein Studium der Anglistik entschieden. Irgendwann kam dann der Punkt, als kein Weg an der Bachelorarbeit vorbeiführte. Doch worüber schreiben? „Was lesen Sie denn am liebsten?“ fragte mich mein Betreuer damals. Noch bevor mir Stephen King über die Lippen kam, fühlte ich mich in mein elfjähriges Ich zurückversetzt, das gespannt mitfieberte, als Harry durch den Irrgarten hetzte.

Eine Bachelorarbeit über Harry Potter? Klingt verdammt nach Hirnbrand. Die Rauchmelder in meinem Oberstübchen schlugen Alarm. Worüber sollte man da schreiben? Vielleicht über die Faszination, die die Bücher unter Kindern und Jugendlichen einst auslöste. Ih, ein Hype. Doch der Gedanke ließ mich nicht los. Und dann, urplötzlich (am Reutlinger Hauptbahnhof) hatte ich den Geistesblitz: Voldemorts Anhänger verfolgen die Muggel wie die Nazis einst die Juden. Immer mehr Parallelen offenbarten sich vor mir.

Jugendbuch mit politischer Botschaft

Ich ließ es nicht mit einem platten NS-Vergleich bewenden. Das wäre auch ziemlich fahrlässig. Immerhin reden wir hier von rund 6 Millionen ermordeten Juden und vielen weiteren Gräueltaten. Nein, viel eher interessierte mich die politische Dimension in den Harry-Potter – Romanen. Wer aufgepasst hat, wird bemerkt haben, dass sich die Geschichten immer weiter vom Schulalltag distanzierten. Während der Unterricht in den ersten Romanen teils minutiös beschrieben wird, findet sich Harry im finalen Band nur ganz zum Schluss in seiner ehemaligen Zauberschule ein. Ab dem fünften Teil ist er faktisch ein politisch Verfolgter, zunächst unter der kleinbürgerlichen Regierung von Fudge, später unter dem Todesserregime.

Doch was hat das alles mit den Nazis zu tun? In meiner Ausarbeitung arbeitete ich größtenteils induktiv – ich schloss also vom kleinen auf das große. Ich analysierte Verhaltensmuster und Gesellschaftsstrukturen und legte dar, dass so manche davon in fast jedem autokratischen Regime vorhanden sind. Nehmen wir beispielsweise die Figur der Dolores Umbridge. Als die Ausgeburt des gelebten Opportunismus schafft sie es fast immer, sich über Wasser zu halten und mit dem Strom zu schwimmen. Ganz offensichtlich hat sie ein Faible für Hypes. Beinahe zynisch, dass sie zu meinen absoluten Lieblingen in der Reihe zählt.

Das Ergebnis war eine 30 Seiten starke Bachelorarbeit (also ohne Inhaltsverzeichnis und das ganze Drumherum). Ihr zugrunde lagen alle sieben Romane der Harry-Potter – Reihe. Und das von einem jungen Mann, der keine fünfzehn Jahre zuvor alles verteufelt hatte, was auch nur im geringsten mit Harry, Ron und Hermine zu tun hatte. Der geschworen hatte, niemals auch nur eines der Bücher mit dem kleinen Finger anzufassen. Die Geschichte von Harry und mir ist eine Geschichte des Wandels. Ein Wandel von Ansichten. Ein Wandel von Interessen. Aber vor allen Dingen ein Wandel von Verständnis. Ich lese Harry Potter heute nicht mehr als bloße Abenteuererzählungen. Für mich ist die politische Komponente dafür viel zu offensichtlich.

Teile diesen Beitrag als erstes. Naaa looos!