Nie wieder was?

Lesedauer: 5 Minuten

Gegen Rechts zu sein liegt voll im Trend. Eine ganze Armada an Gutmenschen lehnt sich auf gegen Menschenhass, rassistische Hetze und Diskriminierung. Anliegen, die vor wenigen Jahren noch einige Hundert auf die Straßen brachten, mobilisieren heute Tausende. Die Rechten juckt das wenig: Sie gedeihen prächtig im Windschatten der Brandmauer. Viele rufen zwar „Nie wieder“, machen aber die gleichen Fehler schon wieder.

Deutschland ist tief gespalten. Auf der einen Seite zelebrieren Zehntausende an den unterschiedlichsten Orten den CSD. Noch nie war die Pride so bunt und groß wie in diesem Jahr: Die Stuttgarter Zeitung sprach gar vom größten CSD der Stadtgeschichte. Die Lust auf Vielfalt und Diversität ist mit Händen greifbar. Auf der anderen Seite wächst der Einfluss der Rechtspopulisten. In zwei Bundesländern verfügt Rechtsaußen schon über eine Sperrminorität und auch die Umfrageergebnisse auf Bundesebene stimmen wenig hoffnungsvoll. Undenkbares ist wieder sagbar geworden. Noch nie war es so wichtig, Antifaschist zu sein wie heute. Viele sitzen dabei jedoch einem verheerenden Missverständnis auf.

Mehr Regenbogen, weniger Schlagkraft

Demos für das Gute findet man heute wie Sand am Meer. Ein Klimastreik hier, ein Aufruf der Antifa dort und selbst in kleineren Städten wird die Pride gefeiert. Selten war es so leicht, auf der richtigen Seite zu stehen. Und dennoch lassen all diese Aufmärsche, Umzüge und Paraden eines vermissen: Schlagkraft und Ernsthaftigkeit. Gerade weil es so nötig geworden ist, Rechtsaußen die rote Karte zu zeigen, schließen sich dem Protest viele Menschen an, denen es einfach gefällt, ein Gutmensch zu sein.

Es ist paradox: Als es um die konkrete Durchsetzung allgemeiner Rechte ging, war es schwerer, die Menschen auf die Straße zu bekommen. Trotzdem folgten hauptsächlich entschlossene und engagierte Menschen den Aufrufen. Jetzt, wo die Demokratie ins Wanken gerät, schwingen zwar mehr Menschen die Regenbogenfahne, der Protest ist aber eintönig und wenig visionär geworden.

Zwei Worte – große Verantwortung

Tragweite und Ursachen des Demokratieabbaus haben viele Bürger nicht begriffen. Sie denken die Probleme vom Ende her. Faschismus und Rechtsextremismus sind aber nicht einfach da. Es handelt sich dabei nicht um eine Naturgewalt, gegen die man lediglich genügend Widerstand aufbringen muss, um sie zu kontrollieren. Es hilft nichts, die große Zustimmung zur AfD zu beklagen, wenn man sein eigenes Verhalten nicht ändert.

„Nie wieder“ ist viel mehr als eine Absage an faschistische Denkmuster. Das zutiefst demokratische Leitmotiv hat seinen Ursprung im unfassbaren Menschheitsverbrechen des Holocaust. Nie wieder sollte es möglich sein, dass ein Staat oder Einzelpersonen ein derartiges Massaker anrichten, um ein ganzes Volk auszulöschen.

Genau das passiert aber gerade im Gazastreifen. Die Hamas sind für die israelische Staatsführung schon lange kein Thema mehr. Ihr geht es einzig darum, das palästinensische Volk zu vernichten. Nicht einmal die sonst so israeltreue deutsche Bundesregierung kann davor mehr die Augen verschließen. Kanzler Merz hat die Waffenlieferungen in den Nahen Osten zumindest eingeschränkt. Es wird sich zeigen, ob es dabei bleibt und dies einen nennenswerten Einfluss auf die israelische Kriegsführung haben wird.

Von der Staatsräson zur Moral

Viel zu lange hat die deutsche Regierung diesen Genozid munitioniert. Dabei kommt Deutschland bei der Verhinderung solcher Menschheitsverbrechen eine besondere Verantwortung zu. Wer „Nie wieder“ ernstmeint, der darf sich nicht nur im eigenen Land gegen einen erstarkenden Rechtsextremismus wenden, sondern muss auch in anderen Teilen der Welt vermittelnd und deeskalierend eingreifen, wenn derartige Taten drohen.

Weite Teile der Union haben das nicht begriffen. Sie möchten gerne lupenreine Christen sein und treten das Fundament dieser Weltanschauung doch mit Füßen. Sie kritisieren ihren Kanzler offen für seine Entscheidung und nutzen die selbsterfundene deutsche Staatsräson für weitere Kriegsabenteuer aus. Härter kann man das viel zelebrierte „Nie wieder“ nicht vergewaltigen.

Frieden muss salonfähig werden

Die Union will Führungsstärke beweisen und versteht sich dabei vermutlich sogar als Volkspartei. Dafür fehlen ihr einerseits ein paar Prozentpunkte, andererseits hat ihr aktueller Kurs nichts mit dem zu tun, was sich die Mehrheit der Bevölkerung wünscht. Umfragen zu Waffenexporten und Kriegsbeteiligung im Ausland gibt es zuhauf. Sie alle machen deutlich: Die Deutschen wollen Frieden – in der Ukraine, in Gaza und im eigenen Land.

Es bleibt nicht bei anonymen Befragungen. Initiativen wie der offene Brief von mittlerweile rund 350 Prominenten und Personen des öffentlichen Lebens geben vielen weiteren die Möglichkeit, ihre Stimme zu erheben. Daneben gewinnen Friedensaktionen und -demos wieder an Zulauf. Allein in den nächsten Wochen wird es zwei große Kundgebungen und Friedensmärsche geben. Das Thema „Frieden“ wird dadurch wieder salonfähig gemacht, das „Nie wieder“ mit neuem Leben gefüllt.

Unsere Gesellschaft befindet sich im Umbruch. Auf der einen Seite stehen die, welche die Moral über alles stellen und das Land auf den Krieg einschwören. Auf der anderen Seite wenden sich immer mehr Menschen gegen das ausgerufene Staatsziel der Kriegstüchtigkeit und pochen auf Verhandlungen und Deeskalation. Die Frage ist dabei nicht, ob man zu den Guten oder den Bösen zählt. Stattdessen sollte sich jeder fragen: Schon wieder oder nie wieder? 

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Weniger Demokratie auf Raten

Lesedauer: 9 Minuten

Deutschland verroht. Die Kultur der sachlichen Diskussion ist vom Aussterben bedroht. Immer mehr gewöhnen wir uns an eine gesellschaftliche und politische Polarisierung und übersehen, was wir dabei opfern. Gesprochen wird von eingeschränkter Meinungsfreiheit, Demokratieabbau und Diktatur. Währenddessen macht sich eine Stimmung der moralischen Überheblichkeit breit, die Widerspruch nur in kleinen Dosen duldet und jeden aus dem Diskurs ausschließt, der zu sehr vom vorherrschenden Narrativ abweicht. Immer klarer wird, dass das Ende einer Demokratie nicht zwangsläufig eine gewaltsame Diktatur sein muss.

Vortrag mit Nachwehen

Vergangenen Monat hat die ehemalige ARD-Russlandkorrespondentin Gabriele Krone-Schmalz einen Vortrag an der Volkshochschule Reutlingen gehalten. Thema war das Verhältnis zu Russland, insbesondere angesichts des Kriegs in der Ukraine. Die Zeitungen waren tagelang voll davon. Auch heute wirkt der Auftritt der Russlandexpertin in Reutlingen noch nach. Wie konnte es dazu kommen?

In ihrem Vortrag warb Krone-Schmalz dafür, den Dialog mit Russland zu suchen, um ein Ende des Kriegs herbeizuführen. Sie plädierte außerdem für Sicherheitsgarantien im Interesse Russlands. Die Situation in der Ukraine sei auch deshalb eskaliert, weil man einen NATO-Beitritt des souveränen Staats nicht klar zurückgewiesen habe. Die Thesen von Frau Krone-Schmalz waren zweifellos provokativ. Sie boten aber auch ausreichend Stoff für eine kontroverse demokratische Debatte zum Thema.

Shitstorm mit Methode

Doch genau diese Debatte blieb aus. Stattdessen sah sich Gabriele Krone-Schmalz einer vernichtenden Kritik ausgesetzt, die jede sachliche Diskussion augenblicklich abwürgte. Schon vor ihrem Auftritt in Reutlingen war die 73-jährige eine umstrittene Persönlichkeit. Die Vehemenz der Reaktionen auf ihre jüngsten Ausführungen sprengten aber endgültig den Rahmen des Anständigen. Nicht nur Gabriele Krone-Schmalz wurde öffentlich für ihre Ansichten quasi geschlachtet, auch gegen die Volkshochschule Reutlingen entbrannte ein regelrechter Shitstorm. Andere Institutionen werden sich künftig sehr gut überlegen, welche Gäste sie einladen werden und wie weit sie vom vorherrschenden Narrativ abweichen werden.

Die Verärgerung über den Vortrag in Reutlingen weckte bei vielen ungute Erinnerungen ans Frühjahr 2021. Damals sprach sich ein Künstlerkollektiv auf satirische Weise gegen einen weiteren Lockdown zur Bekämpfung der Pandemie aus. Die Aktion #allesdichtmachen fiel vielen der 50 Künstlerinnen und Künstler böse auf die Füße. Angesichts des enormen Drucks aus Forschung, Politik und Teilen der Gesellschaft ruderten manche erschrocken zurück. Mit einem solch vernichtenden Urteil hatte keiner von ihnen gerechnet. So geschmacklos einige die Aktion auch fanden, der Zerstörungswille der Empörung darüber stand in keinem Verhältnis dazu.

Eine demokratische Katastrophe

In den letzten Jahren wurde viel und oft darüber gesprochen, was man in Deutschland noch sagen dürfte, ohne in Schwierigkeiten zu geraten. Zur Diskussion lud man meist Vertreter der entgegengesetzten Pole. Während die einen die Meinungs- und Ausdrucksfreiheit in Deutschland über den grünen Klee lobten, ließen sich andere über diktatorische Verhältnisse á la DDR aus. Eine vernünftige Debatte fand auch hier viel zu selten statt.

Tatsächlich haben inzwischen rund 50 Prozent der deutschen Bürgerinnen und Bürger die ernsthafte Sorge, sie könnten nicht mehr all das sagen, was sie wollten, ohne deswegen in ernsthafte Schwierigkeiten zu kommen. Diese Angst gilt explizit auch für Äußerungen, die in einem funktionierenden Rechtsstaat eindeutig von der Meinungsfreiheit gedeckt sind. Zusammen mit einer sinkenden Beteiligung an Wahlen, besonders auf Landes- und Kommunalebene, sollten solche Tendenzen jeden echten Demokraten in blankes Entsetzen stürzen.

Romantisches Diktaturverständnis

Es hilft dabei wenig, wenn man reflexartig von einer Diktatur redet, weil die Meinungsfreiheit in Zweifel steht. Im Sommer 2019 stellte sich die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel den Fragen von Bürgerinnen und Bürgern. Ein AfD-Anhänger meldete sich und warf der Kanzlerin vor, das Land in eine Diktatur umgebaut zu haben, in der er nicht mehr das sagen könnte, was er gerne wollte. Merkel entgegnete ihm, dass sein Auftritt bester Beleg dafür sei, dass wir eben nicht in einer Diktatur lebten.

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Angela Merkel im Dialog mit Bürgerinnen und Bürgern: Wir leben nicht in einer Diktatur.

Sie hatte damit vollkommen recht. Kein Mensch wird in Deutschland dafür eingesperrt, weil er seine Meinung sagt. Das sind Methoden, die wir aus Ländern wie Russland oder China kennen. Eine Diktatur existiert in Deutschland formal nicht. Das Problem ist, dass viele Menschen eine viel zu naive Vorstellung davon haben, was eine Diktatur ist und wie sie entsteht.

In nahezu grenzenloser moralischer Überlegenheit warten manche heutzutage auf eine Partei oder auf eine Bewegung, die sie aufgrund ihrer verfassungsfeindlichen Bestrebungen bekämpfen können. In der AfD haben viele dieser Moralisten Sinn und Grund für diesen Kampf erkannt. Und tatsächlich ist die AfD eine Partei, die mit Verfassungstreue und Demokratie wenig am Hut hat. Sie ist aber weit davon entfernt, einen echten Umsturz herbeizuführen oder dem Land eine Diktatur überzustülpen. Wer sich ausschließlich auf diese Kämpfer verlässt, die das Problem exklusiv außerhalb eines bestimmten Spektrums sehen, der wird früher oder später in ebendieser unfreien Gesellschafft erwachen, die er immer beseitigt sehen wollte.

Die halbdemokratische Gesellschaft

Der größte Feind der Demokratie ist nämlich nicht die Diktatur. Es ist die Ignoranz und die Gleichgültigkeit, mit der sich immer mehr Menschen von einer demokratischen Gesellschaft abwenden. Die Geschichte zeigt genügend Beispiele dafür, wie eine Diktatur gegen den Willen der Bevölkerung und manchmal auch gewaltsam eingeführt wurde. Die DDR war ein System, das keiner wollte, aber in dem viele sich notgedrungen eingerichtet hatten. Der Machtübernahme der Nazis gingen zwar demokratische Wahlen voraus, der letztendliche Umsturz gelang aber nur durch den exzessiven Einsatz von Gewalt, der sich in den Folgejahren weiter steigern sollte.

Den Todesstoß versetzten Weimar allerdings die vielen Menschen, die mit Sicherheit keine diktatorische Gewaltherrschaft unter Hitler im Sinn hatten, den Glauben in die Demokratie aber lange aufgegeben hatten. Auch heute befinden wir uns in einer Situation, in der immer weniger Menschen, der Demokratie zutrauen, mit den Krisen unserer Zeit fertigzuwerden. Fast die Hälfte der Deutschen glaubt nicht mehr an die Meinungsfreiheit, einen Grundpfeiler jeder Demokratie.

Ohne Sinn und Verstand

Wenn Menschen den Leitspruch „Nie wieder“ hören, dann denken sie daran, sich Naziaufmärschen entgegenzustellen und Zivilcourage zu beweisen, wenn Mitbürgerinnen und Mitbürger mit Migrationshintergrund drangsaliert werden. Das ist mutig und richtig. Dieses Engagement leistet einen wichtigen Beitrag zu einem gesunden Rechtsstaat. Trotzdem werden diese Menschen nicht so schnell das Zepter übernehmen. Eine Gewaltherrschaft wie im Dritten Reich ist heute eine Dystopie. Sie war aber möglich – und dafür gab es Gründe. Die Methoden der Nazis von damals funktionieren heute nicht mehr. Dafür waren ihre Taten zu grauenvoll. Die Mechanismen, wie es zu einer unfreien Gesellschaft kommen kann, bestehen aber weiterhin.

In der krisengeschüttelten Zeit, in der wir leben, ist die Angst unser ständiger Begleiter. Angst ist aber kein guter Ratgeber. Besonders die Coronapandemie hat gezeigt, wie wenig Verlass auf den gesunden Menschenverstand ist, wenn eine existenzbedrohende Angst um sich greift. Die Hamsterkäufe im ersten Pandemiejahr, die massenhaften Aufmärsche selbsternannter Querdenker und die gefühlte Impfpflicht sind sicher keine Meisterleistungen menschlicher Intelligenz.

Im Laufe des Jahres 2021 ist die Stimmung bedenklich gekippt. Die ersten Dosen der neuen Impfstoffe waren kaum an ein paar ausgewählte Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeeinrichtungen verabreicht, da kamen manche Politiker schon mit Privilegien für Geimpfte und Sanktionen für Ungeimpfte um die Ecke. Das Grundrecht auf körperliche Selbstbestimmung wurde auch dann konsequent infrage gestellt, als immer klarer wurde, dass die viel angepriesenen Wundermittel Grenzen in ihrer Wirkung und Effektivität hatten.

Eine neue Superwaffe

Für viele Ungeimpfte war der Herbst 2021 eine schwere Zeit. Sie waren durch 2G nicht nur von vielen Bereichen des öffentlichen Lebens ausgeschlossen, sie spürten eine latente Feindseligkeit, die ihnen aus dem Rest der Bevölkerung entgegenschlug. Forscher, Politiker und Prominente schürten eine Stimmung, die bei Betroffenen das Vertrauen in den Rechtsstaat nachhaltig erschüttert hat. Spätestens seitdem den Ungeimpften die Verantwortung für überfüllte Intensivstationen zugeschoben werden sollte, ist klar, dass die Demokratie nicht naturgegeben ist.

Möglich ist das, weil sich viele antidemokratische Strömungen heute eine neue Superwaffe zu eigen gemacht haben: die Moral. Lange in der Politik verpönt und belächelt, läuft sie in diesem Geschäft inzwischen zur neuen Höchstform auf. Gegen Widerspruch jedweder Form scheint sie gefeit. Jeder, der sich ihr widersetzt, steht sogleich im Verdacht, etwas Böses im Schilde zu führen. Ehe man sich versieht, ist man AfD-nah, ein Covidiot oder ein Kremlpropagandist. Die Moralisierung der Debatte teilt die Lager in Gut und Schlecht. Es ist absolut menschlich, dass man auf der guten Seite stehen möchte. Den Mut, die moralische Seite zu verlassen und für sich in Anspruch zu nehmen, eben nicht zu den Bösen zu gehören, haben nicht viele. Sie bleiben lieber stumm. Zu bequem ist es doch, auf der richtigen Seite zu stehen. Unsere Vorfahren werden das ähnlich gesehen haben. Demokratisch ist das nicht.

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Gabriele Krone-Schmalz an der VHS Reutlingen


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