Endemische Idiotie

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Menschen sind unglaublich kreativ, wenn es darum geht, ihre Ziele zu erreichen oder ihr Gesicht zu wahren. Auch die selbsternannten Querdenker nutzen jedes Schlupfloch, um ihre abstrusen Theorien am Leben zu erhalten. Wir sollten Nachsicht mit ihnen haben: Die Querdenkenbewegung setzte der Unterdrückung der Idiotie das lange ersehnte Ende. Seit ungefähr zwei Jahren ist es keine Schande mehr, egozentrisch, unsolidarisch und rücksichtslos zu sein. Die geschrumpfte Maskenpflicht ist daher eher ein Mittel, den nun arbeitslosen Querdenkern den Sinn ihres Lebens zu erhalten.

Starrsinn vs. Einsicht

Irren ist menschlich. Es einzusehen leider nicht. Kein Mensch gibt gerne zu, einen Fehler gemacht zu haben oder lange Zeit einem Irrglauben aufgesessen zu sein. Auch wenn viele von sich behaupten, sie schätzten es an Menschen, wenn diese zu ihren Fehlern stünden – die Reaktionen auf die revidierte Impfentscheidung von Joshua Kimmich waren entlarvend. Der ungeimpfte Nationalspieler erklärte nach seiner überstandenen Corona-Erkrankung, sich nun doch impfen zu lassen. Das Wort „Häme“ hat seitdem eine ganz neue Dimension entwickelt.

Die Menschen mögen es nicht, eigene Fehler als solche zu benennen. Denn wer das tut, macht sich auch angreifbar. Man müsste zugeben, dass die andere Seite doch rechthatte. Das ist unbequem und das kann schmerzhaft sein. Deswegen konstruieren Menschen Gründe, weswegen ihre Überzeugungen nicht eingetreten sind. Nachdem sich im Sommer 2021 ein Großteil der Deutschen hat impfen lassen, die Fallzahlen im Herbst und Winter aber erneut in die Höhe schnellten, da waren die Schuldigen schnell ausgemacht: Die Ungeimpften leisteten dem Virus enormen Vorschub. Dieses Argument war angesichts 2G natürlich völlig realitätsfremd, aber eine Zeit lang salonfähig. Mit der rasanten Ausbreitung der Omikronvariante hat sich aber letztendlich doch die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Wirksamkeit der Impfstoffe ernsthaft in Zweifel zu ziehen ist.

Nachdem auch ein Großteil der dreifach Geimpften erkrankt war, sanken Impfeuphorie und Befürwortung einer allgemeinen Impfpflicht im Land deutlich. Die Impfung schützt zwar weiterhin vor schweren Verläufen, die Legende der Herdenimmunität ist aber hinfällig.

Gefühlte Wahrheit

Die jüngsten Entwicklungen der Coronapolitik stoßen auch einer weiteren Bevölkerungsgruppe hart auf. Seit den umfangreichen Lockerungen der letzten Wochen und seitdem die Impfpflicht vorerst vom Tisch ist, haben die selbsternannten Querdenker wieder einen schweren Stand. Nachdem sie zu Beginn des Jahres tausende braver Bürger mobilisiert hatten, verläuft sich die Bewegung wieder. Zurück bleibt der harte Kern aus Verschwörungstheoretikern, Rechtsextremen und einigen Bequemen, die sich nicht eingestehen können, dass sie sich von den falschen Leuten vor den Karren spannen ließen.

Woche für Woche gingen sie mit ihren Mitstreitern auf die Straße. Sie stellten sich quer zur Impfpflicht und waren empört darüber, dass die Politik ernsthaft eine solche Maßnahme in Erwägung zog. Immer wieder mussten bei den Demonstrationszügen auch die Kinder der Teilnehmer als Grund für den Protest herhalten. Viele von ihnen trieb die Sorge auf die Straße, es könnte bald Schluss sein mit elementaren Grundrechten. Der Verweis auf das bestehende Demonstrationsrecht half dabei wenig. Den Menschen ging es um eine gefühlte Wahrheit, die man ihnen nach zig Wortbrüchen der Politik nicht mal verübeln konnte.

In der Zwickmühle

Nun sind die Befürworter einer Impfpflicht mittlerweile im Bundestag krachend gescheitert. Sie haben es nicht geschafft, die zahlreichen Anträge zu dem Thema in ein stimmiges Gesetz zu gießen, hinter dem sich eine stabile Mehrheit vereint. Damit fiel der wichtigste Demonstrationsgrund der Querdenker weg. Auch der Wegfall der Maskenpflicht in vielen Bereichen und die Aussetzung von 3G kommt den Demonstranten nicht zupass. Solange diese Maßnahmen galten, konnten sie auf den wöchentlichen Demonstrationen und im Alltag durch konsequentes Verstoßen gegen die Regelungen effektiv auf sich aufmerksam machen. Einige von ihnen schmückten ihre Masken auch mit Aufschriften, die auf die angebliche Diktatur hinwiesen. Sie alle würden sich durch das Tragen dieser Demonstrationswerkzeuge nun vollends lächerlich machen, weil ihr innigster Wunsch bereits in Erfüllung gegangen ist.

Viele der Querdenker von gestern stehen vor einer schwierigen Richtungsentscheidung: Möchten sie den liebgewonnenen Gepflogenheiten der letzten Monate abschwören und fortan wieder ein bedeutungsloses Dasein als stimmlose Alltagsidioten fristen oder bevorzugen sie ein Weiterleben als hartgesottene Dauernazis? Manche von ihnen haben sich an die Aufmerksamkeit gewöhnt, die ihnen in den letzten Monaten zuteilwurde. Der neue Kurs der Coronapolitik bedeutet für sie eine echte Zwickmühle.

Alle im Blick

Doch die Bundesregierung ist die Regierung aller Deutschen, auch wenn viele das anders sehen. Der Kanzler und seine Minister haben einen Eid geleistet, mit dem sie sich verpflichten, Schaden vom Volk abzuwenden. Im Kern besteht eine Hauptaufgabe der Bundesregierung darin, den Menschen im Land das Leben möglichst angenehm zu gestalten.

Dabei haben Scholz, Lauterbach und Co. natürlich auch die Querdenker im Blick. Der Trend durch Omikron war eindeutig: Die Krankheitsverläufe werden milder; viele Maßnahmen werden bald obsolet. Aus medizinischer Sicht ist das eine gute Nachricht. Gesellschaftlich ist es allerdings eine Herausforderung.

Endstation Endemie

Die harten Maßnahmen inklusive Ausgangssperren und Lockdowns waren das Lebenselixier der Querdenker. Mit dem Wegfall dieser einschneidenden Maßnahmen geht ihnen ihre Lebensgrundlage flöten. Sie haben keinen Raum mehr, um ihre Beschränktheit öffentlich darzustellen und ihr verkümmertes Ego aufzuwerten. Aus diesem Grund hat das Bundeskabinett ihnen mit der weiterhin geltenden Maskenpflicht in Bus und Bahn eine goldene Brücke gebaut.

Die öffentlichen Transportmittel bieten den Langzeitidioten einen geschützten Raum, in dem sie weiterhin ihre abstrusen Theorien verbreiten und ihre grenzenlose Dummheit zur Schau stellen können. Indem sie in den Verkehrsmitteln munter gegen die Auflagen verstoßen, zeigen sie, wie sehr ihnen der Schutz ihrer Mitmenschen am Allerwertesten vorbeigeht. Außerdem gibt ihnen der gezielte Verstoß gegen die Maßnahmen für einen Augenblick das Gefühl, wichtig zu sein.

Sie sind es nicht. Ein solches egoistisches Verhalten steht den Anstrengungen zur Eindämmung des Virus fundamental entgegen. Wenn die Infektionszahlen sinken, stecken sich auch weniger vulnerable Personen an. Das ist solchen Menschen aber schon eine Stufe zu hoch. Die Maske ist eines der letzten effektiven Mittel, das wir haben, um der Ausbreitung des Virus entschlossen entgegenzutreten. Die Querdenker haben sich dieser Basismaßnahme im Frühjahr 2020 entzogen und sie tun es auch zwei Jahre später. Die Aussicht auf einen kleinen Moment Aufmerksamkeit ködert sie eher als die Aussicht darauf, gegen eine weiterhin gefährliche Krankheit anzukommen. Corona hat ihr neurotisches Verhalten weiter getriggert. Mit dem Virus haben sie eines gemeinsam: Sie gehen nicht mehr weg.

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Keine leichte Rückkehr

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Die Masken, sie fallen – in manchen Ländern früher, in anderen Ländern später. Deutschland gehört zu den Schlusslichtern, was die Lockerung der Coronamaßnahmen betrifft. Während sämtliche Infektionsschutzregeln in Ländern wie Dänemark und Schweden schon vor Wochen gefallen sind, setzt die deutsche Regierung lieber auf einen Drei-Stufen – Plan, der bis Ende März Schritt für die Schritt viele Maßnahmen lockert oder sogar ganz aussetzt. Doch selbst wenn die epidemische Lage es zuließe, alle Maßnahmen sofort zu beenden, stellt sich ein weiteres unterschätztes Problem: Sind die Menschen bereit für ein Leben ohne Pandemie?

Nicht ohne meine Maske

Fakt ist: Nach zwei Jahren Corona wird es vielen Menschen nicht leichtfallen, wieder auf Normal zu schalten. Viele haben es verlernt, einen unbeschwerten Alltag zu führen. Das fängt bei einer zentralen Maßnahme an, über die 2020 viele die Augen verdrehten, an die sich mittlerweile aber fast alle gewöhnt haben. Der Wegfall der Maskenpflicht würde für viele Bürgerinnen und Bürger einen empfindlichen Eingriff in ihre festgefahrene Routine bedeuten. Wie selbstverständlich ziehen sich viele inzwischen einen Mund-Nasen – Schutz auf, wenn sie geschlossene Räume betreten. Zum wöchentlichen Einkauf und zum Kinobesuch gehört die Maske zwischenzeitlich einfach dazu.

Früh erkannten die Menschen den wertvollen Beitrag der Maske im Kampf gegen die Pandemie. Voller Überzeugung trugen sie sie im Supermarkt, in Bus und Bahn und in überfüllten Innenstädten. Der Tragekomfort vieler Masken sprach sich ebenso schnell herum wie ihre aufbauende Wirkung auf die Ohrenmuskulatur. In mehreren Städten und Gemeinden haben sich daher Bürgerverbände zusammengefunden, die unter dem Motto „Nicht ohne meine Maske“ gegen die Abschaffung der liebgewonnenen Maßnahme protestieren.

Maskenpflicht unter der Hand

Nicht jeder Mitbürger tritt so energisch gegen den Wegfall dieser Maßnahme ein. Viele Experten sind sich allerdings sicher, dass die meisten Menschen das Tragen der Maske beibehalten werden, auch wenn es nicht mehr vorgeschrieben ist. Gerade in infektionsrelevanten Situationen wie Demos und Großveranstaltungen erwarten sie ein diszipliniertes Weiterleben der Maskenpflicht.

Trotzdem erwarten sie auch negative Auswirkungen durch die Abschaffung der Maßnahme. Einzelne Verhaltensforscher skizzieren schon jetzt regelrechte Entzugserscheinungen. Diese beinhalten sowohl psychosomatische Reaktionen wie Unruhe, Orientierungslosigkeit und Schlafstörungen als auch körperliche Beschwerden wie Atemprobleme und eine ständig laufende Nase.

Es lebe der Sündenbock

Die Aufhebung sämtlicher Maßnahmen zur Eindämmung des Virus bedeutet faktisch das Ende der Pandemie. Sicher werden sich auch in den kommenden Monaten Menschen infizieren. Viele Wissenschaftler setzen ihre Hoffnungen aber auf die Erreichung eines endemischen Zustands. Maskenpflicht und Zugangsbeschränkungen zu Restaurants, Kinos und Kultureinrichtungen spielen dann keine Rolle mehr. Doch auch die Diskussion um eine allgemeine Impfpflicht müsste in der Folge ausgesetzt werden.

Das Ende der Pandemie würde also besonders für Ungeimpfte der Freedom Day werden. Denn ohne akute Pandemie könnte man diese Gruppe kaum zu einer Impfung drängen oder sie weiterhin für die katastrophalen Zustände im Gesundheitswesen verantwortlich machen. Auch das würde für viele eine echte Umstellung bedeuten.

Viel zu sehr haben sich manche daran gewöhnt, die Schuld für die missliche Lage fast ausschließlich den ungeimpften Mitbürgerinnen und Mitbürgern in die Schuhe zu schieben. Da Menschen in schwierigen Situationen immer dazu neigen, einen Sündenbock auszumachen, stellt sich die Frage, wer als nächstes dran glauben muss.

Zweifelhaftes Comeback

Es ist gut möglich, dass die Klimakrise wieder stärker ins Bewusstsein der Gesellschaft rutscht. Es kann daher leicht zu einem Revival des Konflikts Jung gegen Alt kommen. Besonders gefährdet sind ältere Menschen, die ihre Renten mit selbstgesammelten Pfandflaschen aufbessern müssen und sich bestenfalls das Steak vom Discounter leisten können. Die hohe Inflationsrate verwehrt ihnen künftig sogar den Zugang zu gesundem Obst und Gemüse. Auch hier müssen sie auf klimaschädliche Alternativen zurückgreifen.

Die Gründe ihrer Kaufentscheidung spielten schon vor zwei Jahren keine Rolle. Offene Diskriminierung gedeiht auch, wenn es nachvollziehbare Gründe für ein bestimmtes Handeln gibt. Welchen besseren Beweis gibt es dafür als die Stimmung gegen Ungeimpfte in der Coronapandemie?

Nervenkitzel und Wirtschaftseinbruch

Auch viele Psychologinnen und Psychologen schlagen angesichts der nahenden Lockerungswelle Alarm. Sie vermuten, dass es den meisten Menschen sehr schwerfallen wird, sich wieder an einen geregelten Alltag zu gewöhnen. In der Pandemie wusste man nie, was der nächste Tag bringt. Großzügiges Vorausplanen war schlicht nicht möglich. Die Menschen mussten sich quasi täglich an neue Regeln und Gegebenheiten anpassen. Der drohenden Planungssicherheit sehen die Experten mit Sorge entgegen. Sie befürchten, dass der triste Alltag zu einem signifikanten Anstieg von psychischen Erkrankungen wie Depressionen und Bore-Out, dem Gegenteil von Burn-out, führen kann.

Hinzu kommt, dass die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie alles andere als einheitlich waren. Sie waren teilweise auf Landkreise beschränkt und richteten sich nach der aktuellen Bedrohungslage durch das Virus. Es verlangte den Menschen viel ab, wenn sie wissen wollten, welche Maßnahmen aktuell für sie galten. Es war für viele durchaus mit einer gewissen Spannung verbunden, ob sie ins Einkaufszentrum oder zum Friseur durften und was sie bei dem Besuch zu beachten hatten. Dieser fehlende Nervenkitzel kann sich spürbar auf das Konsumverhalten der Menschen auswirken. Manche werden in ausgedehnten Shoppingtouren oder feuchtfröhlichen Clubbesuchen keinen Sinn mehr sehen, wenn sie vorher nicht die Bestätigung erhalten, dass sie zu einer exklusiven Gruppe gehören. Die Folgen für die Wirtschaft liegen auf der Hand.

Die Rückkehr in den Alltag ist aber auch mit einem nicht zu unterschätzenden Frustrationspotenzial verbunden. Viele Menschen haben sich Gepflogenheiten abgewöhnt, die vor Corona völlig selbstverständlich waren. Das fängt bei einem sozialverträglichen Umgang miteinander an, betrifft aber auch die tägliche Garderobe. Dr. Merle Gutzeit vom Psychologischen Institut der Universität Mannheim führt dazu aus: „Einige Menschen werden mit Sicherheit Schwierigkeiten haben, sich wieder angemessen anzukleiden. Mancheiner hat im Home Office vielleicht sogar schon vergessen, dass das Tragen einer Hose zum guten Stil gehört.“ Die Psychologin rechnet damit, dass sich diese Menschen den gesellschaftlichen Konventionen zwar beugen werden, aber mit der Zeit ein Ventil für den damit verbundenen Frust benötigen. „Möglich wären hier Demonstrationen von Menschen, die das Tragen einer Hose als Grundrechtseingriff verstehen und dagegen protestieren – unten ohne übrigens.“ Auch sie fordert von der Politik, solche unerwünschten Nebeneffekte der Lockerungen einzukalkulieren.

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Hauptargument Moral

Lesedauer: 8 Minuten

Die Stimmen, die nach Einschränkungen für Nicht-Geimpfte rufen, werden aktuell wieder lauter. Man möchte nicht tatenlos dabei zusehen, wie sich ein Teil der Bevölkerung der Impfung verweigert und dabei andere Menschen gefährdet. Immer seltener geht es bei den folgenden Debatten aber um den Schutz von Menschenleben. Gesprächsziel ist immer häufiger, Andersdenken ein schlechtes Gewissen zu machen und sie zu schlechten Menschen zu degradieren. Diese Diskussionskultur treibt die Menschen auseinander in einer Zeit, in der sie eigentlich zusammenstehen sollten.

“Schon geimpft?” – Keine Frage bekommt man dieser Tage häufiger gestellt als die Frage nach dem Impfstatus. Man begegnet ihr in nahezu jeder Lebenslage – auf der Arbeit, in der Schule, im Gespräch mit Freunden, im Kreise der Familie und selbstverständlich beim Arzt. Seit nahezu jedem erwachsenen Menschen in Deutschland ein Impfangebot gemacht werden kann, ist das neue „Wie geht’s?“ aus keinem Gespräch mehr wegzudenken. Und wehe dem, der diese Frage mit „Nein“ beantwortet.

Keine schöne Diskussion

Die Verneinung dieser Frage zieht nämlich fast zwangsläufig eine zähe und wenig ergiebige Diskussion nach sich. Nachdem klipp und klar feststeht, dass die fehlende Impfung nicht auf Terminfindungsschwierigkeiten, sondern auf eine generelle Ablehnung der Corona-Impfung zurückzuführen ist, beginnt eine tretmühlenartige Tortur, die für beide Seiten ausgesprochen unangenehm ist.

Fragen wie „Willst du etwa, dass alle Geschäfte geschlossen bleiben?“ oder „Du weißt aber schon, dass so ein Verhalten zu mehr Toten führt?“ beenden eine argumentative Auseinandersetzung, bevor sie begonnen hat. Solche infamen Unterstellungen drängen den Nicht-Geimpften sogleich in eine Ecke, in die er in vielen Fällen nicht gehört. Der Verweigerer wird gleichgesetzt mit Querdenkern und Verschwörungstheoretikern, die die Wirksamkeit von Impfungen generell in Zweifel ziehen. Der Skeptiker gilt fortan als schlechter Mensch, als Unheilsbringer, der seine Entscheidung gegen eine Impfung leichtfertig aus dem Handgelenk geschüttelt hat.

Verhärtete Fronten

In den meisten Fällen stimmt das nicht. In Deutschland nehmen derzeit viele Menschen jenseits der Risikogruppen das umfassende Impfangebot wahr. Es gibt aber weiterhin eine beträchtliche Zahl an Personen, die sich nicht impfen lassen. Sie tun das aus unterschiedlichen Gründen. Manche davon sind unbelehrbare Schwurbler, viele andere hingegen mündige Bürger, die sich die Entscheidung alles andere als leicht gemacht haben. Beim Outing als Nicht-Geimpfte finden sich die Betroffenen in der Rolle des schlechten Menschen wieder.

Diese Einordung ist verkürzt, ungerecht und führt bei den Betroffenen selten zu einer Änderung ihrer Sichtweise. Denn kein Mensch möchte schlecht sein. Menschen lieben das Gefühl, das richtige zu tun und im Recht zu sein. Würde ein Nicht-Geimpfter einlenken und sich doch zu einer Impfung durchringen, müsste er im gleichen Moment zugeben, dass er zuvor tatsächlich ein schlechter Mensch war. Auf sein Konto gingen dann ewige Lockdowns, Schulschließungen und Todesfälle. Diese Last will niemand tragen. Konfrontiert der Befürworter den Gegner mit solchen Vorwürfen, bleibt die Impfentscheidung negativ.

Beide Seiten verharren dabei auf ihren Positionen. Keiner von beiden ist bereit, auf den anderen zuzugehen. Sie verheddern sich in dem Konstrukt, das sie für sich errichtet haben, um Andersdenkenden zu begegnen. Wenn der latente Vorwurf und der erhobene Zeigefinger die Diskussion anführt, werden beide Seiten für vernünftige Argumente immer unzugänglicher.

Freifahrtschein Impfung

Man darf bei der ganzen Debatte auch nicht vergessen, dass sich bereits ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung gegen das Coronavirus hat impfen lassen. Für eine Herdenimmunität reicht es noch nicht aus, zu wenig wirken die zugelassenen Vakzine gegen Infektionen, zu gering ist die Impfbereitschaft der Menschen. Verprellt fühlen sich viele der Ungeimpften durch eine Kampagne, die darauf ausgerichtet ist, Geimpften mehr Rechte einzuräumen als Nicht-Geimpften. Der Tenor ist stets, dass man darauf hinarbeitet, Einschränkungen für Geimpfte fallenzulassen und sie somit maßgeblich aus dem anstrengenden Kampf gegen die Pandemie zu entlassen. Völlig zurecht empfindet das die Gegenseite als ungerecht und vorschnell.

Diese Art der Diskussion verfehlt ihren eigentlichen Zweck, die Pandemie zu bekämpfen, gleich doppelt. Sie suggeriert einerseits, dass Geimpfte sprichwörtlich Narrenfreiheit haben und ihren Dienst getan haben. Beispielhaft dafür ist die Austragung der Fußball-EM im englischen Wembley-Stadion, wo sich 45.000 Menschen, zum großen Teil geimpft, dicht an dicht und ohne Maske zusammenfanden und dem Virus so enormen Vorschub leisteten. Diese großzügigen Lockerungen verleiten erst recht dazu, sich impfen zu lassen, auch wenn der Preis dafür hoch sein kann. Die Impfentscheidung ist dann hauptsächlich auf eine Sehnsucht nach dem Normalen, nach alltäglichen Bequemlichkeiten zurückzuführen. Sie ist in vielen Fällen unehrlich, was das verantwortungslose Verhalten vieler Betroffener drastisch untermauert.

Falscher Protest

Andererseits züchtet die Diskussion um mögliche Einschränkungen für Nicht-Geimpfte eine Generation an Märtyrern heran. Impfverweigerer fühlen sich in ihren Positionen immer weniger ernstgenommen, selbst wenn sie vernünftige und nachvollziehbare Argumente für ihre Entscheidung vorbringen können. Immer stärker verzichten sie nicht aufgrund von sachlichen Argumenten auf die Impfung, sondern weil sie die Nicht-Impfung als Akt des Protests empfinden.

Um auch diese Abweichler zu einer Impfung zu bewegen, stellt man ihnen nicht nur weitreichende Vergünstigungen in Aussicht, sondern baut auch den finanziellen Druck auf sie weiter aus. Die FDP gerierte sich stets äußerst kritisch, was eine allgemeine Impfpflicht in Deutschland betraf. Nun stellte allerdings selbst Christine Aschenberg-Dugnus, gesundheitspolitische Sprecherin der Partei, bei Markus Lanz ein Konzept vor, das einer Impfpflicht durch die Hintertür beachtlich nahekommt. Nach ihren Vorstellungen soll künftig jeder Ungeimpfte nur noch Anspruch auf einen kostenlosen Test pro Woche haben. Sie rechtfertigt das mit dem hohen finanziellen Aufwand, der auf Dauer nicht gestemmt werden kann.

Natürlich würde es enorme finanzielle Anstrengungen bedeuten, würde man das umfassende Testangebot aufrechterhalten. Bei teleskopierten, also verkürzten Testverfahren zur Entwicklung der Impfstoffe, bleibt uns aber gar keine andere Möglichkeit, als weiterhin breit zu testen. Denn lange ist nicht geklärt, wie gut die Präparate vor Infektionen schützen und wie infektiös Geimpfte tatsächlich sind. Die Erfassung solcher Daten ist deutlich schwieriger, wenn die Stoffe unkontrolliert verimpft werden. Verzichtet man zusätzlich auf die weitere Testung von Geimpften, sind solche Erkenntnisse aber schier unmöglich.

Eklatante Wissenslücken

Auch nach anderthalb Jahren Pandemie ist weiterhin nicht umfassend geklärt, inwieweit bestimmte Personengruppen durch das Virus bedroht sind und wo die gravierendsten Infektionsherde entstehen. Man hat weiterhin nicht systematisch ermittelt, wie hoch die Infektionsgefahr beim Einkaufen ist und wie hoch sie in deutschen Klassenzimmern ist. Das alles ist hauptsächlich auf ein völlig kaputtgespartes Gesundheitssystem zurückzuführen, welches bereits bei leicht steigenden Infektionszahlen an die Grenzen seiner Belastbarkeit bei der Infektionsnachverfolgung kommt.

Diese eklatanten Wissenslücken, die bei einem neuartigen Virus zunächst wenig verwunderlich sind, nutzen immer mehr Einflussnehmer für ihre eigenen Zwecke aus. Weil weiterhin nicht ganz klar ist, wie bedeutend Kinder bei der Weitergabe des Virus sind, erwägen viele nun ernsthaft, auch möglichst viele Kinder gegen das Coronavirus zu impfen. Dabei ist die Verträglichkeit der neuen Impfstoffe bei Kindern ein einziges Fragezeichen.

Immer weiter entfernt man sich von dem Motto „Schützt die Risikogruppen“ hin zur neuen Mission, die gesamte Bevölkerung zu impfen. Immer dreister wird versucht, den Nicht-Geimpften die Schuld für Online-Unterricht und Maskentragen in die Schuhe zu schieben. Sie versuchen von den wahren Gründen für die fortgeltenden strengen Maßnahmen abzulenken, welche sie selbst zu verantworten haben: eine marode Infrastruktur, fehlende Investitionen in Luftfilter und eine völlig unterfinanzierte Forschung, die sich nach naturwissenschaftlichen und nicht nach profitorientierten Maßstäben richtet.

Fakten statt Angst

Auch mit Angst lässt sich Politik machen. Dieses Prinzip war vielen Politikern lange vor Corona bekannt. Um die aktuelle Krise in den Griff zu bekommen, brauchen wir allerdings Entschlossenheit und Fakten. Besonders bei fortschreitender Impfkampagne erwies sich der vielgenutzte Inzidenzwert als wenig aussagekräftig. Erfasst werden verstärkt mittelschwere und schwere Krankheitsverläufe. Angebracht wäre eine Kennzahl, die schwere Krankheitsverläufe, beispielsweise auf der Intensivstation, in Relation zum gesamten Infektionsgeschehen und zu den verfügbaren Kapazitäten in den Krankenhäusern setzt. Auf diese Weise könnte das Gefährdungspotenzial des Virus deutlich treffender ermittelt werden.

Beide Seiten bei der Impfkampagne könnten von dieser Versachlichung profitieren. Die Übergänge könnten wieder durchlässiger werden. Man könnte wieder Debatten führen, ohne der anderen Seite das Gefühl zu geben, ein schlechter Mensch zu sein. Wir kommen nur gemeinsam durch die Pandemie. Lagerkämpfe bringen uns da nicht weiter.


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