Scheinfrei

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Die überfüllten Züge und die chaotischen Zustände in den Bahnhöfen deuten darauf hin: Das 9-Euro – Ticket wird rege genutzt. Die Bundesregierung hat es beschlossen, um mehr Menschen vom Auto auf die Schiene zu bringen. Der Plan scheint aufzugehen, denn das Ticket ist in aller Munde. Trotzdem gibt es vereinzelt Menschen, die von dem Angebot keinen Gebrauch machen – und häufig mit Unverständnis konfrontiert sind. Ein Ticketloser bricht nun sein Schweigen und berichtet uns, wie es ist, ohne 9-Euro – Ticket seinen Alltag zu meistern.

Mit dem 9-Euro – Ticket kommt die Bundesregierung den Bürgerinnen und Bürgern sehr weit entgegen. Warum haben Sie sich bisher gegen dieses Angebot entschieden?

Ich lebe in einer kleinen Gemeinde mit weniger als 1.000 Einwohnern. Außer viel Natur, Wander- und Radwegen gibt es hier nichts zu erleben. Bis vor ein paar Jahren kam hier unter der Woche stündlich ein Bus vorbei, aber die alte Haltestelle dient heute eher als Übungsfläche für aufstrebende Graffitikünstler. Im Nachbarort gibt es einen Supermarkt, die nächste Ortschaft mit Bahnhof ist knapp eine Viertelstunde mit dem Auto entfernt.

Wir haben Sie in einem Bus in der Innenstadt kennengelernt. Wie kam es dazu?

Das war eher Zufall. Meine Familie und ich haben ein befreundetes Ehepaar in Stuttgart besucht. Auch dorthin sind wir mit dem Auto gefahren. An dem Tag, an dem Sie mich ansprachen, saß ich nach langer Zeit mal wieder in einem öffentlichen Verkehrsmittel.

Sie sagten gerade, sie müssten eine Teilstrecke mit dem Auto zurücklegen, um die Öffis zu nutzen. Lohnt sich das 9-Euro – Ticket in den Sommermonaten aber nicht doch für Sie? Die Strecke nach Stuttgart hätten Sie ja auch größtenteils mit dem Zug zurücklegen können.

Wissen Sie, irgendwie gewöhnt man sich ja auch an ein Leben mit Auto. Wenn ich morgens in meinen Wagen steige, um zur Arbeit zu fahren, dann weiß ich, dass ich sehr wahrscheinlich ohne Umwege ans Ziel kommen werde und ich kann mir auch sicher sein, dass er morgens auf dem Parkplatz steht. Bei der Bahn habe ich diese Gewissheit nicht.

Als Sie heute morgen in den Bus gestiegen sind, da konnten wir eine merkwürdige Situation beobachten.

Ja, der Busfahrer war ganz verwundert, dass ich bei ihm eine Fahrkarte kaufen wollte. Dreimal fragte er mich in gebrochenem Deutsch, ob ich denn kein 9-Euro – Ticket hätte. Es schien für ihn und manche Fahrgäste unvorstellbar, dass man dieses Angebot nicht nutzt. Dabei musste ich nur an diesem einen Tag drei Stationen mit dem Bus fahren. Vielleicht wäre es ihm lieber gewesen, ich wäre schwarzgefahren.

Aber damit war die Angelegenheit ja noch nicht beendet.

Leider nicht, denn ausgerechnet an diesem Tag stiegen zwei Kontrolleure in den Bus ein, die völlig entnervt waren, als ich ihnen eine andere Fahrkarte entgegenstreckte. Sie hatten sich anscheinend auf eine sehr ruhige Schicht gefreut.

Auch den anderen Fahrgästen schien ich komisch vorzukommen. Einige schüttelten den Kopf, als ich nach längerer Diskussion mit dem Fahrer endlich mein Ticket erhalten hatte, eine Frau setzte sich sogar weg von mir. Im Weggehen murmelte sie so etwas wie: „Keine Ticketverweigerer.“

Wir haben Sie ja dann auf Ihrer kurzen Busfahrt angesprochen und mit Ihnen dieses Interview vereinbart. Wie erging es Ihnen nach der Fahrt?

Ich bin mit ein paar Typen ausgestiegen, die meine Kaufentscheidung wohl wirklich persönlich nahmen. Einer von ihnen rempelte mich an der Haltestelle sogar an und warf mir laut vor, dass Leute wie ich das Klima ruinieren würden, weil ich keinen Beitrag zum Umstieg auf den ÖPNV leisten würde. Er setzte sich dann stinkig in seinen SUV und fuhr von dannen.

Seit unserem ersten kurzen Gespräch ist eine Woche vergangen. Haben Sie in der Zwischenzeit etwas ähnliches erlebt?

Ich habe seitdem die Öffis nicht mehr genutzt, aber in meinem Ort hat sich schnell herumgesprochen, dass ich kein 9-Euro – Ticket besitze. Ich habe schon gemerkt, dass die Leute tuscheln oder mir verstohlene Blicke zuwerfen. Im Gespräch mit Bekannten wird schnell das Thema gewechselt, wenn das 9-Euro – Ticket zur Sprache kommt. Meine kleine Tochter hat mir gestern erzählt, dass einige Mitschüler sie nach der Schule sogar abgefangen und sie damit aufgezogen haben, dass wir uns dem 9-Euro – Ticket verweigern.

In manchen Großstädten gibt es inzwischen Bürgerinitiativen, die eine 9-Euro-Ticket – Pflicht fordern. Was halten Sie von solchen Vorhaben? Mit einer solchen Pflicht müssten Sie in Zukunft keine blöden Bemerkungen und ähnliches mehr befürchten.

Ich glaube, dass so eine Pflicht nicht so leicht umsetzbar sein wird. Man bräuchte ein 9-Euro-Ticket – Register, um zu erfassen, wer ein Ticket besitzt und wer nicht. Ich denke auch, dass so eine Pflicht nicht vereinbar mit dem Grundgesetz wäre und den Prinzipien einer freien Marktwirtschaft widersprechen würde.

In bestimmten Kreisen ist auch eine Teilpflicht im Gespräch. Die Initiative „Gasstopp aus Russland, grüne Alternativen müssen endlich laufen“ (GaRgAmel) beispielsweise fordert im ersten Schritt nur eine Pflicht zum 9-Euro – Ticket in Bussen und Straßenbahnen.

Entweder man führt eine Komplettpflicht ein oder man lässt es bleiben. So eine Teilpflicht ist doch verrückt. Die Verkehrsbetriebe kriegen es doch nicht mal hin, andere Pflichten in ihren Fahrzeugen durchzusetzen oder haben Sie an der Frau, die sich im Bus von mir wegsetzte, eine Maske gesehen? Immerhin hatte sie ein 9-Euro – Ticket.

Hoffen Sie auf ein baldiges Ende des 9-Euro – Tickets?

Von mir aus kann gerne jeder das Angebot annehmen, der möchte. Ich möchte es nicht. Ich glaube sogar, dass es bald ein vergleichbares Folgeangebot geben wird. Die Grünen haben so etwas ja schon angedeutet.

Würden Sie in diesem Fall bei dem Angebot mitmachen?

Bei mir im Ort fährt immer noch kein Zug.

Vielen Dank für das Gespräch.

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