Glitzernde Scheindebatten

Vorschaubild: Astrobobo, pixabay

Lesedauer: 5 Minuten

Eines muss man der neuen Bundestagspräsidentin lassen: Julia Klöckner weiß, wie man von sich reden macht. Madame Nestlé weigert sich nämlich beharrlich, zur Berliner Pride die Regenbogenfahne auf dem Dach des Reichstagsgebäudes hissen zu lassen. Ihre Entscheidung sorgt für Gesprächsstoff, an der Diskussion sind aber lange nicht alle beteiligt. Wieder wird eine Chance verpasst, Einigkeit bei einer Frage herzustellen, bei der eigentlich Konsens herrscht.

Gesprächsthema Nr. 1

Das Sommerloch ist da. Seitdem sich niemand mehr für den angeblichen Flirt zwischen Sahra Wagenknecht und der AfD interessiert, gibt es ein neues Top-Thema: Bundestagspräsidentin Julia Klöckner will die Pride-Flagge nicht hissen. Die LGBT-Gemeinschaft, progressive Medien und Teile der Öffentlichkeit sind empört über diese in ihren Augen rückschrittliche Entscheidung.

Julia Klöckner spielt das Spiel gerne mit und rechtfertigt ihre Entscheidung, wo sie nur kann. Das ruft weiteren Widerstand auf den Plan: Abgeordnete von Grünen und Linken haben sich am 26. Juni in den Farben des Regenbogens gekleidet und entsprechend im Plenarsaal formiert. Seither ist die Pride-Flagge Thema in Talkshows, Kommentarspalten, Influencer-Videos, Kolumnen und Petitionen.

Richtige Debatte falsch geführt

Die Regenbogenfahne beherrscht das Land. Zumindest gewinnt man diesen Eindruck, wenn man in den letzten Wochen den Newsfeed geöffnet hat. Immer deutlicher wird aber: Die Debatte nimmt sich selbst viel zu wichtig. Auch an den Küchentischen, auf der Baustelle und in der Fabrikhalle wird darüber gesprochen. Die Empörung gilt hier aber nicht der zunehmenden Gewalt gegen queere Menschen. Aufgeregt wird sich stattdessen darüber, mit welcher Abgehobenheit und Arroganz die Meinungsmacher die Debatte führen.

Haltungsnoten sind wieder einmal wichtiger als die Sache selbst. Dabei wäre genau jetzt der richtige Zeitpunkt, um zusammenzustehen gegen Homophobie, Transfeindlichkeit und gruppenbezogenen Menschenhass. Denn die Gewalt nimmt zu: In erschreckender Regelmäßigkeit ist mittlerweile von Übergriffen auf queere Menschen zu hören – zunehmend auch außerhalb von LGBT-Hochfesten wie dem CSD. Schon lange bleibt es dabei nicht bei geschmacklosen Pöbeleien. Verletzenden Worten folgen immer häufiger verletzende Taten.

Mitnehmen statt ausschließen

Wie der grassierende Hass auf Andersdenkende und Andersliebende in den Griff zu bekommen ist, ist eine inklusive Frage, weil sie das Mitwirken der Breite der Gesellschaft erfordert. Die Debatte um die Regenbogenfahne wird aber fatalerweise exklusiv geführt. Wer die Regenbogenfahne auf dem Dach des Reichstagsgebäudes nicht als Komplettlösung gegen Homo- und Transphobie anerkennt, wird pauschal als Mitläufer des Rechtsrucks gebrandmarkt.

Es gibt in diesem Land Menschen, die sind weder queer, noch schwul und auch nicht non-binär. Sie werden in aller Regel nie Opfer homophober Gewalt. Zur LGBT-Gemeinde haben sie keinen Bezug und folglich auch wenig Ahnung von dem Schaden, der durch solche Gewalttaten angerichtet wird. Anstatt sie mit erhobenem Zeigefinger zu maßregeln, wenn sie sich über die viel zu schrill geführte Debatte beschweren, wäre es viel sinnvoller, an ihre Empathie zu appellieren und ihr Mitgefühl zu wecken. Ernsthaftigkeit und Aufrichtigkeit würden dem eigentlichen Anliegen weitaus mehr nützen als das routinierte Schwingen der Moralkeule.

Luxusdebatten

Auf Bundesebene ist es ein Skandal, wenn die Bundestagspräsidentin die Regenbogenfahne nicht hisst. Auf lokaler Ebene in Köln beschließt der Stadtrat, Spielplätze künftig mit einem komplizierten technokratischen Namen zu versehen. Ein Außerirdischer müsste angesichts dieser Debatten zu dem Schluss kommen, dass Deutschland das zufriedenste und glücklichste Land der Welt ist, wenn Raum für solche Debatten bleibt.

Dieser naheliegende Trugschluss ist ein Riesenproblem für unser Land. Es geht schon lange nicht mehr darum, queere Menschen vor Übergriffen zu schützen. Es geht einzig darum, wann und wo bunte Fahnen wehen, wer im Recht ist und wer nicht. Genau so wie diese verfehlte Debatte vom zugrundeliegenden Problem ablenkt, verdrängt sie auch andere wichtige Themen, welche die Menschen im Land bewegen.

Weil eine Tradition gebrochen wird, die es seit sage und schreibe drei Jahren gibt, soll das Land stillstehen. Raum für Debatten darüber, dass die Einkommensschere im Land immer weiter auseinanderklafft, viele Arbeitsplätze aufgrund staatlicher Misswirtschaft akut bedroht sind oder Sozialleistungen empfindlich beschnitten werden, weil das Geld in Aufrüstung fließt, bleibt da nicht.

Wenn der Verzicht auf eine einzige Regenbogenfahne als der Top-Aufreger des Jahres vermarktet wird, während viel drängendere Probleme liegenbleiben, dann regt das viele Menschen zurecht auf. Ihre Stimmung kippt ins Negative und sie wenden sich Kräften zu, die den Frust für ihre menschenfeindliche Ideologie missbrauchen. So entsteht ein Klima, wo irgendwann selbst Regenbogenfassaden nichts mehr nützen, um queeren Menschen den Schutz zu geben, den sie verdienen.

Gut genug?
[Gesamt:0    Durchschnitt: 0/5]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert